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FAZIT DES TAGES ULTRAKURZ – oder: Nachrichten aus dem irrwitzigen Weltzirkus
- ISRAEL-HAMAS-HISBOLLA-KRIEG: Weitere tödliche Geplänkel im Gaza-Streifen.
Palästinensischer und israelischer Politiker auf Grünen-Parteitag motivieren verschärfte Forderung für eine Zwei-Staaten-Lösung. - UKRAINE-KRIEG: Russland rückt langsam vor, teils behindert von ukrainishcen Soldaten.
Beratung über mögliches Kriegsende: Ukraine-Delegation ohne Selenskyj in den USA.
Selenskyj trifft Macron am Montag, Näheres nicht bekannt. - USA und Venezuela liegen zunehmend im Clinch: Trump zieht die Daumenschrauben an.
- FRANKREICH: Bettwanzen-Alarm in Pariser Kino. – COMMENT
- DEUTSCHLAND: Wahlumfragen.
Grünen-Parteitag – Meldungsübersicht.
Trübe Aussichten für mittelständische Unternehmen.
Ostbeauftragter für Neuaufteilung von Vermögen zwischen Ost- und Westdeutschland. - ÖSTEREICH: Wahlumfragen.
Alpenverein leidet: verwüstete Berghütten, Müll und dreistes Verhalten
nehmen zu. – COMMENT
ÖBB wirbt für die Koralm-Bahn; ab 2030 Wien-Klagenfurt in 2 Stunden und 40 Minuten. - Weitere COMMENTS vorhanden
MÄRKTE – Aufwärts, wie erwartet
THEMENREIGEN – MEDIZIN: Phasen der Hirnalterung im menschlichen Lebensablauf. Musik, Tangotanz und Videospiele: Hirn altert langsamer. Influenza- und Covid-Aktivität in Österreich. ANTHROPOLOGIE: Zähne verraten einiges über die Entwicklung des Gehirns. SOZIALPSYCHOLOGIE: Lavendelehe 2.0. MENSCHEN: Woody Allen wird 90. Tom Stoppard (88) verstorben.
Viel Stoff – Nutze die Suchfunktion!
Apropos Weltzirkus: Zirkus ist was für Kinder und Junggebliebene, Staunen und Lachen über die Clowns! Im Weltzirkus tummeln sich viele Zauberkünstler und Clowns. Lachen wir also, Lachen ist die beste Medizin gegen Depressionen.
EMPFEHLUNG
INFORADIO als Nachrichtensender am laufenden Band ist mit einem DAB-fähigen Radio zu empfangen. Es wird betrieben von RTR – KommAustria.
Das INFORADIO ist eine wertvolle Ergänzung zu anderen Agenturmeldungen und zum ORF.
Dazu allerdings ca. 15 bis 20 Minuten Zeit für konzentriertes Zuhören einplanen.
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Was denkt „das Volk“? Wer über gute Nerven und über argumentativ gefestigte Einstellungen verfügt sowie sich darüber informieren möchte, was die Hirne und Herzen der Menschen bewegt, der schaue auf X(Twitter) und Bluesky. Sehr aufschlussreich, aber bitte: Warm anziehen und Brechschale vulgo Speibeimer bereithalten!
MÄRKTE
Verkürzter Handel in den USA wie angekündigt.
DJI – BAHA *** DJI – KGV *** Rendite 10-jg. US-Anleihen
DAX Deutsche Börse *** DAX – KGV *** Rendite 10-jg. Bundesanl. *** Euro-Bund Futures
COMMENT: wie erwartet – aufwärts streben die Märkte. Für den DAX beginnt bald der Kampf um die wichtige psychologische Marke von 24.000 Punkten.
Etwas mehr als die Hälfte der jüngsten Verluste im DAX ist wettgemacht. Charttechnisch und mit Blick auf die Hoffnungen der Anleger bleibt die Situation auf der positiven Seite.
MARKTRELEVANTE MELDUNGEN.
Gaspreise vor Sinkflug – Globaler Süden hui, Europa pfui – „Lieber sparen!“: Jeder 14. arbeitet in einem befristeten Arbeitsverhältnis – Deutsche Wirtschafts-Nachrichten, 30.11.2025
Nach Jahren hoher Energiepreise verändert sich die Lage grundlegend. Auf den internationalen Gasmärkten bauen sich deutliche Angebotsüberhänge auf. Diese Entwicklung könnte positive makroökonomische Effekte auslösen
Die drei größten europäischen Volkswirtschaften Deutschland, das Vereinigte Königreich und Frankreich stecken weiterhin in einem Zyklus schwachen Wachstums, der ihre Haushaltsdefizite vergrößert. Frankreich steckt in einer Haushalts- und einer politischen Krise. Kurz gesagt: Europa befindet sich im Schuldenstrudel, die alten Mächte wanken und der Süden steigt auf!
Nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes arbeiteten 2024 rund 7 Prozent aller abhängig Beschäftigten in Deutschland in einem befristeten Arbeitsverhältnis. Bei älteren Beschäftigen sieht der Gesetzgeber Sonderregelungen vor.
WOCHENAUSBLICK: Startschuss für Jahresendrally im Dax? – 28.11.2025
FRANKFURT (dpa-AFX) – Die Anleger am deutschen Aktienmarkt können in der neuen Woche auf eine Fortsetzung des jüngsten Aufwärtstrends hoffen. „Die KI-Werte wurden geerdet, das Fundament aus der Berichtssaison ist robust und die US-Notenbank Fed ist auf Zinssenkung im Dezember programmiert“, schrieben die Autoren des Bernecker-Börsenbriefs. Die Ausgangslage für eine Jahresendrally sei gegeben. Obendrein könnten auch die Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg dem Dax weiteren Rückenwind liefern.
„Noch allerdings steht die jüngste Erholungsbewegung auf wackeligen Beinen“, gab Kapitalmarktstratege Jürgen Molnar vom Broker Robomarkets zu bedenken. Erst mit einem Sprung über die 50-Tage-Durchschnittslinie im Bereich um 23.850 Punkte könne der Leitindex genug Kraft entwickeln, um die 24.000-Punkte-Marke ins Visier zu nehmen und die Jahresendrally auf solidere Füße zu stellen. Solange der Dax nicht unter 23.500 Zähler rutsche, stünden die Chancen auf eine positive Dezember-Dynamik gut.
Aus Sicht von Kapitalmarktexperte Robert Halver von der Baader Bank steht und fällt die aktuelle Börsenlaune mit der Einschätzung, ob die US-Notenbank am 10. Dezember ihren Leitzins erneut senkt oder nicht. Selbst wenn ein weiterer Zinsschritt ausbleibe, werde dieser aber im kommenden Jahr nachgeholt. „Und sollte ab Mai 2026 tatsächlich Trumps gegenwärtiger Wirtschaftsberater Kevin Hassett der neue Fed-Chef werden, wird die Zinssenkungsfantasie noch fantasievoller“, ergänzte Halver. Hassett gilt als Vertreter einer lockeren Geldpolitik.
Gemessen an Terminkursen sei die Wahrscheinlichkeit auf eine Zinssenkung wieder auf über 85 Prozent gestiegen, nachdem sie vor Kurzem noch bei 50 Prozent gelegen habe, kommentierte Analyst Frank Klumpp von der LBBW. Auch Anlagestratege Mark Dowding von RBC BlueBay Asset Management hält weiter sinkende Zinsen für wahrscheinlich, da der scheidende Notenbankchef Jerome Powell die Märkte in der Vorweihnachtszeit nicht überraschen wolle. Er geht davon aus, dass es Powells letzte geldpolitische Maßnahme wird.
Nach der feiertagsbedingten Pause an den US-Börsen dürften die Impulse von Übersee allgemein wieder zunehmen. Allzu viele Konjunkturdaten, welche die Geldpolitik der Fed beeinflussen könnten, finden sich allerdings nicht auf der Agenda. Bereits zu Anfang der Woche liegt der Fokus auf Einkaufsmanagerindizes. Da der nächste Arbeitsmarktbericht infolge des Teilstillstands der US-Regierungsbehörden erst nach der Zinsentscheidung veröffentlicht wird, dürften Jobdaten des Dienstleisters ADP zur Wochenmitte besonders viel Beachtung finden.
„Das europäische Highlight wird aus Makro-Perspektive jedoch die Bekanntgabe der vorläufigen Inflationszahlen in der Eurozone für November am Dienstag sein“, schrieb Robert Greil, Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck. Im Wochenverlauf folgen außerdem noch Arbeitsmarktzahlen, Erzeugerpreise und Einzelhandelsumsätze aus dem Euroraum. Am Freitag stehen die Auftragseingänge der deutschen Industrie im Oktober an.
Unternehmensseitig lädt der Industriedienstleister Bilfinger am Dienstag zum Kapitalmarkttag, ehe der Kupferkonzern Aurubis am Donnerstag Jahreszahlen vorlegt. International kommen am Mittwoch Zahlen von Textilkonzern Inditex und SAP -Branchenkollege Salesforce./niw/tih/he
— Von Nicklas Wolf, dpa-AFX —
© 2025 dpa-AFX
GESELLSCHAFTSSEISMOGRAPH BÖRSEN
findet sich am Ende des Tagesblicks und wurde am 1.10.2025 aktualisiert.
HELLMEYER-REPORT (Märkte u.a.m.)
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ISRAEL-IRAN-HAMAS-HISBOLLAH-KRIEG
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ISRAEL-IRAN-KRIEG im n-tv Liveticker
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ISRAEL – NAHOST-KONFLIKT im n-tv Liveticker
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ISRAEL – NAHOST-KONFLIKT im FAZ-Liveblog
Chronologisch absteigend, jüngste Meldungen zuoberst:
Sonntag, 30. November 2025
Recht auf Selbstbestimmung: deutsche Grüne verstärken propalästinensische Haltung
Die Grünen vollziehen in der Nahostpolitik eine Kurskorrektur und betonen nun stärker das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung. Die Parteivorsitzende, Franziska Brantner, sagte auf dem Bundesparteitag in Hannover, für die Grünen seien drei Punkte nicht verhandelbar: Das Existenzrecht Israels, das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser und „die Würde eines jeden Menschen“.
Die Bundesregierung sollte gemeinsames europäisches Vorgehen nicht länger blockieren und den Weg frei machen für eine Teilaussetzung des EU-Assoziationsabkommens mit Israel, „falls Israel seine völkerrechtlichen Verpflichtungen weiterhin nicht erfüllt“, fordern die Grünen. Davon unberührt bleiben müssten die Forschung und die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft.
Das Assoziationsabkommen regelt unter anderem Freihandelsvorteile und Zollerleichterungen für den Handel zwischen der EU und Israel. Darin ist festgehalten, dass die Beziehungen zwischen den Vertragsparteien auf der Achtung der Menschenrechte beruhen.
In einem Text, auf den sich die Parteimitglieder in Hannover verständigten, hieß es, der Einsatz für die Sicherheit Israels als Teil deutscher Staatsräson bedeute nicht, dass Unterstützung für die israelische Regierung über Verpflichtungen gegenüber dem Völkerrecht und dem Schutz der Menschenrechte gestellt werden dürfen.
Die Partei hielt fest: „Als Reaktion auf den 7. Oktober hat die israelische Regierung einen Krieg in Gaza geführt, dessen humanitäre Folgen und militärische Mittel unverhältnismäßig beziehungsweise völkerrechtswidrig sind.“ Dies sei durch nichts zu rechtfertigen – auch nicht durch den brutalen Terrorangriff der Hamas – und habe unermessliches Leid und Traumatisierung über die Menschen im Gazastreifen gebracht.
Proteste in Tel Aviv: Übergabe der letzten zwei toten Geiseln gefordert
In Tel Aviv hat es am Samstagabend Proteste für die Übergabe der letzten zwei toten Geiseln in der Gewalt der Hamas gegeben. Das Forum der Geisel-Familien, das zu der Kundgebung auf dem sogenannten Platz der Geiseln aufgerufen hatte, forderte: „Ran und Sudthisak müssen nach Hause kommen.“ Viele Menschen hielten Fotos der beiden Männer hoch und riefen: „Ihr seid nicht allein, wir sind bei euch. Wir lassen niemanden zurück.“
Bei den verbleibenden zwei Opfern handelt es sich um den 24 Jahre alten israelischen Polizisten Ran Gvili und den 43 Jahre alten thailändischen Landarbeiter Sudthisak Rinthalak. Beide wurden bei dem Überfall der radikalislamischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 getötet, ihre Leichen wurden in den Gazastreifen verschleppt.
Die Hamas hätte im Zuge des Waffenruheabkommens mit Israel neben den letzten 20 noch lebenden Geiseln eigentlich bereits vor einem Monat auch alle 28 toten Geiseln an Israel übergeben sollen. Israel wirft den Islamisten vor, die Herausgabe absichtlich zu verzögern.
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach am Freitag mit Gvilis Eltern. Der Regierungschef habe sie „über die Bemühungen Israels um seine Rückkehr“ und seine Entschlossenheit informiert, ihren Sohn für ein „angemessenes jüdisches Begräbnis“ nach Israel zurückzubringen, teilte Netanjahus Büro mit. Er sprach den Angaben zufolge auch mit dem thailändischen Botschafter Boonyarit Vichienpuntu.
Samstag, 29. November 2025
Zweistaaten-Lösung gefordert: Israels Ministerpräsident a.D. und palästinensischer Politiker auf deutschem Grüne-Parteitag
Der frühere israelische Ministerpräsident Ehud Olmert und der palästinensische Politiker Nasser Al-Kidwa haben auf dem Grünen-Bundesparteitag für eine Zweistaatenlösung im Nahost-Konflikt geworben. Dies sei die einzige Möglichkeit, um den historischen Konflikt „ein für allemal zu lösen“, sagte Olmert am Samstagabend in Hannover. Der Krieg im Gazastreifen sei zwar angesichts des Hamas-Überfalls unvermeidlich gewesen, aber jetzt brauche es ein Friedensabkommen und dann zwei Staaten.
Dabei müsse die Regierung im Gazastreifen eine palästinensische sein, sagte Olmert. Aktuell gebe es noch kein Friedensabkommen, sondern nur einen fragilen Waffenstillstand. Olmert forderte deshalb mehr diplomatische Bemühungen Europas und der USA.
„Die einzige Lösung sind zwei Staaten – es gibt keinen anderen Weg“, betonte auch der per Video zugeschaltete frühere Außenminister der palästinensischen Autonomiebehörde, Al-Kidwa. Er forderte zudem einen vollständigen Rückzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen. Ein Wiederaufbau sei nicht möglich, während die Armee noch dort sei und entscheide, welche Waren in das Gebiet kämen.
Seit sieben Wochen herrscht eine fragile Waffenruhe zwischen Israel und der Islamistenorganisation Hamas – nun hat es abermals zwei tödliche Zwischenfälle im Süden des Gazastreifens gegeben. Israels Armee habe bei einem Drohnenangriff in dem Ort Bani Suheila zwei Kinder getötet, hieß es aus medizinischen Kreisen im Gazastreifen. Krankenhausangaben zufolge sollen die beiden Brüder acht und elf Jahre alt gewesen sein.
Israels Armee tötet drei „bedrohliche Verdächtige“
Israels Armee teilte mit, sie habe „zwei Verdächtige“ in einem von ihr kontrolliertem Gebiet aus der Luft angegriffen und getötet, die „vor Ort verdächtige Aktivitäten“ ausgeführt und sich israelischen Soldaten genähert hätten. Die beiden seien für die Einsatzkräfte eine unmittelbare Bedrohung gewesen, hieß es weiter. Ob es sich bei den Getöteten um Kinder handelte, sagte die Armee nicht.
Das israelische Militär meldete zudem einen weiteren Vorfall, bei dem am Morgen eine Person ebenfalls die „gelbe Linie“ betreten und sich dort Soldaten genähert haben soll. Hinter diese Linie hat sich die israelische Armee als Teil der vereinbarten Waffenruhe zurückgezogen. „Nach der Identifizierung schalteten die Soldaten den Terroristen aus, um die Bedrohung zu beseitigen“, teilte die Armee mit. Von palästinensischer Seite gab es zu diesem Vorfall zunächst keine Angaben.
Seit Beginn der Waffenruhe am 10. Oktober gibt es immer wieder Tote im Gazastreifen. Seitdem sind nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde mehr als 350 Palästinenser ums Leben gekommen.
WEITERE ISRAEL-MELDUNGEN
Gegeneinladung für Netanjahu nach Deutschland „derzeit kein Thema“ – 28.11.2025
Berlin – Die Bundesregierung will Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu weiterhin nicht nach Deutschland einladen. „Das ist derzeit kein Thema“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer am Freitag in Berlin auf Anfrage der dts Nachrichtenagentur.
Zuvor hatte der Sprecher den Antrittsbesuch von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Israel für das kommende Wochenende angekündigt. Merz will dort die Gedenkstätte Yad Vashem besuchen und einen Kranz niederlegen, sich aber auch mit Vertretern der Zivilgesellschaft und Intellektuellen treffen.
Bei einem ebenfalls geplanten Gespräch mit Netanjahu soll es neben den bilateralen Beziehungen auch um die Stabilisierung des Waffenstillstands in Gaza „sowie andere internationale Themen“ gehen, wie es hieß.
Oft wird bei solchen Gelegenheiten aus Höflichkeit ein Gegenbesuch besprochen, in diesem Fall aber wohl nicht. „Da ist derzeit nichts geplant“, unterstrich der Sprecher.
Der Internationale Strafgerichtshof hatte im letzten Jahr im Zuge des Gaza-Konflikts unter anderem auch einen Haftbefehl gegen Netanjahu erlassen, dabei werden ihm Kriegsverbrechen vorgeworfen.
© 2025 dts Nachrichtenagentur
URAINE-KRIEG im n-tv Liveticker
Chronologisch absteigend, jüngste Meldungen zuoberst:
Detaillierte Meldungsübersicht. Daraus eine Auswahl:
Sonntag, 30.11.2025
+++ 10:36 Treffen in Florida: Experte warnt vor „Worst-Case-Szenario“ +++
Vor dem Treffen der US-Delegation und dem ukrainischen Verhandlungsteam in Florida warnt ein Experte gegenüber der Kyiv Post vor dem „Worst-Case-Szenario“. „Sollte Washington Kiew heute unter Druck setzen, und etwa einen Militärabbau oder einen Verzicht auf eine Nato-Mitgliedschaft fordern, könnte die Ukraine die Friedensplan-Bedingungen ablehnen“, sagt Yuriy Boyechko, Vorstand der humanitären Hilfsorganisation Hope For Ukraine. Dies hätte den Entzug lebenswichtiger US-Militärhilfe zur Folge, so Boyechko.
+++ 09:34 Russiche Truppen rücken bei Kupjansk vor +++
Östlich von Kupjansk in der Region Charkiw konnte die russische Armee weitere Geländegewinne erzielen. Laut dem aktuellen Lagebericht des Institute for the Study of War (ISW) belegen geolokalisierte Videos, dass russische Truppen mit gepanzerten Fahrzeugen bis auf wenige Meter an den Vorort Petropawliwka herangerückt sind.
Auch in Richtung Kostjantiniwka gab es laut Aufnahmen geringfügige Bewegungen.
In der Innenstadt des Vororts Plestschtschijiwka machten russische Einheiten einen kleinen Vorstoß.
Gleichzeitig gelang es ukrainischen Kräften, die Angreifer südlich von Nowopawliwka ein Stück weit zurückzudrängen.
+++ 08:39 Türkei: Auch Russland würde von Friedensabkommen profitieren +++
Der türkische Außenminister Hakan Fidan sieht bei den Regierungen Russlands und der Ukraine eine wachsende Bereitschaft für ein Friedensabkommen. „Nach vier Jahren Zermürbungskrieg sind die Parteien eher bereit als früher, Frieden zu schließen. Sie haben das Ausmaß des menschlichen Leids und der Zerstörung gesehen und ihre eigenen Grenzen erkannt“, sagt Fidan der „Welt am Sonntag“. „Nach unserem Verständnis ist auch Herr Putin bereit, einem Waffenstillstand und einem umfassenden Friedensabkommen unter bestimmten Bedingungen zuzustimmen“, so der Außenminister. Das derzeit diskutierte Abkommen sei nicht nur wichtig, um den Krieg in der Ukraine zu beenden, „sondern auch, um dauerhaft Stabilität für ganz Europa zu schaffen. In diesem Zusammenhang sollten wir einige Artikel des Abkommens, das die Sicherheit Europas gewährleisten soll, genauer betrachten. Ich sehe darin eine historische Chance, weitere Angriffe zu verhindern“, fügt Fidan hinzu.
+++ 07:45 Kasachstan kritisiert Ukraine wegen Angriff auf Öl-Terminal +++
Das kasachische Außenministerium erhebt Kritik gegen die Ukraine. Es wirft ihr vor, zum wiederholten Male einen absichtlichen Angriff auf kritische Infrastruktur des internationalen Kaspischen Pipeline-Konsortiums (CPC) im Schwarzen Meer verübt zu haben. Der Vorfall stelle „den dritten Akt der Aggression gegen eine ausschließlich zivile Einrichtung“ dar, deren Betrieb völkerrechtlich geschützt sei. Das CPC hatte am Samstag mitgeteilt, dass es seinen Betrieb an einem wichtigen Ölterminal eingestellt habe. Ein Ankerpunkt sei durch einen Angriff mit Marinedrohnen erheblich beschädigt worden. Das CPC wickelt mehr als ein Prozent des weltweiten Öls ab. Es exportiert hauptsächlich Öl aus Kasachstan über Russland und den Schwarzmeer-Terminal.
Angriff mit Seedrohnen Ukraine legt russisches Ölterminal lahm
+++ 07:07 Ukrainische und US-Delegation erörtern Friedensplan +++
Die USA und die Ukraine diskutieren heute im US-Bundesstaat Florida Wege für ein Ende des russischen Angriffskriegs. Für die US-Seite sollen laut übereinstimmenden Medienberichten Außenminister Marco Rubio, der Sondergesandte von US-Präsident Donald Trump, Steve Witkoff, und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner an dem Treffen teilnehmen. Das Team der Ukraine wird von Delegationsleiter Rustem Umjerow angeführt.
Umjerow ersetzt Jermak Selenskyj schickt seine Verhandler in die USA
+++ 06:27 Drei Frauen bei Drohnenangriff auf Charkiw verletzt +++
Im Dorf Baschilwka in der Region Charkiw sind bei einem russischen Drohnenangriff drei Frauen verletzt und Wohngebäude beschädigt worden. Das berichtet Ukrinform mit Verweis auf die Staatsanwaltschaft der Region Charkiw. Nach den Ermittlungen schlug am Samstag eine russische Drohne, die vorläufig als Heranium-2 identifiziert wurde, in ein Wohngebiet im Dorf Baschilwka im Bezirk Losivski ein. Der Leiter der regionalen Staatsverwaltung Charkiw, Oleh Synyiehubov, gibt an, dass es sich bei den Opfern um Frauen im Alter von 65, 67 und 73 Jahren handelt.
+++ 05:42 KNDS erhält bislang 350 Aufträge für neues Leopard-2-Modell +++
Beim deutsch-französischen Rüstungskonzern KNDS sind bislang 350 Bestellungen aus fünf Ländern für das neue Modell des Leopard-2-Panzers eingegangen. Das sagt ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage. Neben Deutschland haben auch die Niederlande, Norwegen, Litauen und Tschechien die Weiterentwicklung des 1979 eingeführten Panzers geordert. Die Bundeswehr hat bislang 123 Exemplare des Leopard 2 A8 bestellt. Bei der ersten öffentlichen Präsentation des Panzers kündigte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius bereits eine Beschaffungsvorlage für weitere 75 Stück an.
+++ 04:41 Parteitag: Grüne fordern Taurus für Ukraine +++
Die Grünen haben sich auf ihrem Bundesparteitag für eine stärkere militärische Unterstützung der Ukraine ausgesprochen – auch in Form von Taurus-Marschflugkörpern. „Die Durchhaltefähigkeit der Ukraine hängt nicht zuletzt von unserer Unterstützung ab“, heißt es in einem in der Nacht in Hannover verabschiedeten Leitantrag.
+++ 03:41 Regionalgouverneur: Ein Toter bei russischen Drohnenangriffen nahe Kiew +++
Bei russischen Drohnenangriffen nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew ist nach Angaben des örtlichen Regionalgouverneurs ein Mensch getötet worden. Bei den Angriffen auf die Stadt Wyschhorod seien zudem elf Menschen verletzt worden, darunter ein Kind, erklärt der Regionalgouverneur von Kiew, Mykola Kalaschnyk, am frühen Morgen im Onlinedienst Telegram. Die Anzahl der Verletzten könnte demnach noch steigen. Sechs der Verletzten wurden laut Kalaschnyk ins Krankenhaus gebracht. Rettungskräfte seien derzeit dabei, die Bewohner eines bei den Angriffen getroffenen Hochhauses zu evakuieren.
+++ 02:21 Zahl der Toten durch russische Luftangriffe auf sechs erhöht +++
Die Zahl der Toten durch russische Luftangriffe in der Nacht zum Samstag hat sich von drei auf sechs erhöht. Dutzende Menschen seien verletzt worden, teilen ukrainische Behörden mit. Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Russland 26 Raketen und fast 600 Drohnen auf die Ukraine abgefeuert.
+++ 01:07 Luftverteidigung in Polen reagiert auf russische Kampfjets – Bundeswehr beteiligt +++
Russische Kampfjets haben einem Medienbericht zufolge am Freitag einen Alarm der Luftverteidigung in Polen ausgelöst. Vier Kampfjets vom Typ MiG-31 seien in Richtung der russischen Westgrenze geflogen, berichtet die „Bild am Sonntag“ und beruft sich auf Informationen aus Nato-Kreisen. Polnische Streitkräfte sowie in Polen stationierte Bundeswehr-Einheiten hätten ihre Luftverteidigungssysteme daraufhin in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Zwei deutsche Patriot-Luftabwehrsysteme am Flughafen in Rzeszow, über den ein Großteil der westlichen Militärhilfe für die Ukraine läuft, wurden dem Bericht zufolge aktiviert, Soldaten der deutschen Luftwaffe waren demnach an der Reaktion beteiligt. Wie die „Bild am Sonntag“ unter Berufung auf Nato-Angaben berichtet, kehrten die russischen Jets später wieder um.
+++ 00:06 Budapest weist Kritik an Moskau-Besuch zurück: Brauchen keine Erlaubnis +++
Budapest weist Kritik an Gesprächen mit Kremlchef Wladimir Putin in Moskau zurück. „Wir Ungarn brauchen für Auslandsverhandlungen nicht die Erlaubnis oder ein Mandat aus Brüssel, Berlin oder sonst woher“, schreibt Ungarns Außenminister Péter Szijjártó auf der Plattform X. Damit reagiert er auf Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz, der sich von der Reise des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban nach Moskau mit scharfen Worten distanziert hatte. Merz hatte erklärt, Orban „fährt ohne europäisches Mandat und er fährt ohne eine Abstimmung mit uns“.
Ungarn hofft auf billiges Gas Orban: Ukraine darf als „Pufferstaat“ weiter bestehen
+++ 22:19 Kallas nennt Luftraumverletzung über Moldau inakzeptabel +++
„Die Verstöße russischer Drohnen gegen den moldauischen Luftraum sind inakzeptabel und gefährden den zivilen Flugverkehr“, schreibt die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas. Die EU investiere in diesem Jahr 20 Millionen Euro in die Luftabwehr Moldaus, um die Sicherheit des Landes zu stärken. Zuvor hatte Moldau mitgeteilt, zwei russische Drohnen seien in den Luftraum eingedrungen, bevor sie die Ukraine angegriffen hätten. Moldaus proeuropäische Präsidentin Maia Sandu und ihre europäischen Verbündeten haben Moskau bereits wiederholt vorgeworfen, Moldau destabilisieren zu wollen. Das an die Ukraine angrenzende Land verhandelt seit Juni 2024 über einen EU-Beitritt.
+++ 21:46 Neuer nächtlicher Angriff auf Ukraine hat begonnen +++
Die Ukraine wird am Abend erneut angegriffen. Aktuell herrscht im halben Land Luftalarm. Es seien mehrere Drohnengruppen unterwegs, schreiben die Luftstreitkräfte der Ukraine in sozialen Medien. Zudem hätten russische Flugzeuge Lenkbomben auf die Region Donezk abgeworfen.
+++ 21:18 Tusk warnt vor egoistischen Interessen +++
In einem an die Verbündeten gerichteten Appell warnt der polnische Regierungschef Donald Tusk vor egoistischen Interessen. Tusk schreibt auf der Plattform X: „Ich möchte unsere Verbündeten daran erinnern, dass die NATO gegründet wurde, um den Westen gegen die sowjetische Aggression, also gegen Russland, zu verteidigen. Und ihr Fundament war Solidarität, nicht egoistische Interessen. Ich hoffe, dass sich daran nichts geändert hat.“
+++ 20:47 Kiew verkündet Treffer gegen Bomber-Werkstatt und Ölraffinerie +++
Das ukrainische Militär will letzte Nacht mehrere erfolgreiche Angriffe gegen wichtige militärische Einrichtungen in Russland ausgeführt haben. Darunter ist demnach eine Anlage in der Stadt Taganrog in der Region Rostow, in der unter anderem Militärflugzeuge repariert und modernisiert werden. In einer Werkstatt für Tu-95-Bomber sei ein Feuer ausgebrochen, teilt der Generalstab in Kiew mit. Außerdem habe man erneut die Ölraffinerie Afipsky in der russischen Region Krasnodar angegriffen und einen Brand ausgelöst. Das Ausmaß des Schadens werde jeweils noch ermittelt.
+++ 20:21 Ukrainische Delegation trifft US-Trio in Florida +++
Das ukrainische Team mit Delegationsleiter Rustem Umjerow wird am Sonntag in Florida US-Außenminister Marco Rubio, den Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner, den Schwiegersohn von Präsident Donald Trump, treffen. Dies sagt ein hochrangiger US-Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters. Es geht um das weitere Vorgehen bei Trumps Plan für ein Ende des Krieges. In der ersten Wochenhälfte werden dann US-Vertreter zu Verhandlungen in Moskau erwartet. Witkoff soll dort Kremlchef Wladimir Putin treffen. Nach den Worten von Trump reist möglicherweise auch Kushner nach Moskau.
+++ 19:55 Selensky gibt seinem Verhandlungsteam Richtlinien mit +++
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sein Verhandlungsteam in die USA zu Gesprächen über ein Ende des russischen Angriffskrieges entsandt. „Die amerikanische Seite zeigt sich konstruktiv, und in den kommenden Tagen ist es möglich, die Schritte zu konkretisieren, um zu bestimmen, wie der Krieg zu einem würdigen Ende gebracht werden kann „, erklärt Selenskyj in seiner abendlichen Videobotschaft. Dazu habe er dem Team die Richtlinien mitgegeben, um gemäß der ukrainischen Prioritäten verhandeln zu lassen.
Der Dialog werde „auf Grundlage der Genfer Punkte“ fortgesetzt, sagt Selenskyj. Er hatte einen 28-Punkte-Plan von US-Präsident Donald Trump bei Verhandlungen in Genf mit europäischen und amerikanischen Vertretern überarbeiten lassen. In den USA geht es um noch strittige Punkte.
+++ 19:11 Mutmaßliche Söldner in Südafrika festgenommen +++
In Südafrika sind vier Männer wegen des Verdachts, für Russland im Ukraine-Krieg kämpfen zu wollen, festgenommen worden. Sie seien am Freitag am Flughafen in Johannesburg aufgehalten worden, teilt die Polizei mit. Nach südafrikanischem Recht ist es Bürgern untersagt, ohne Genehmigung ausländischen Regierungen militärische Hilfe zu leisten oder in ausländischen Armeen zu kämpfen. Eine erste Untersuchung habe ergeben, dass eine südafrikanische Frau die Reise und Rekrutierung der Männer für das russische Militär ermöglicht habe, erklärt die Polizei. Vor Wochen hatte es bereits Berichte gegeben, dass 17 Südafrikaner in der Ukraine festsitzen, nachdem sie mit lukrativen Versprechungen für Söldnertruppen angeheuert worden sein sollen. Am Freitag hatte eine Tochter des früheren südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma ihr Parlamentsmandat wegen des Vorwurfs der Söldner-Rekrutierung für Russland aufgegeben.
+++ 18:34 Moldau wirft Russland Verletzung von Luftraum vor +++
Moldau wirft Russland eine Verletzung seines Luftraums durch Drohnen vor und verurteilt die jüngsten Drohnen -und Raketenangriffe auf die Ukraine. „Auf ihrem Weg, Zivilisten zu töten, haben russische Drohnen erneut den moldauischen Luftraum verletzt und dessen vorübergehende Schließung erzwungen“, erklärt Moldaus Präsidentin Maia Sandu. Das an die Ukraine angrenzende Moldau hatte am späten Freitagabend seinen Luftraum wegen zwei Drohnen für gut eine Stunde geschlossen. (Sieh Eintrag um 12:04 Uhr) Es sei der dritte derartige Vorfall innerhalb von neun Tagen, teilt das Innenministerium in Chisinau mit. Die pro-westliche Regierung wirft Moskau Einschüchterung vor. Eine russische Stellungnahme liegt bisher nicht vor.
+++ 17:57 Selenskyjs zurückgetretener Bürochef Jermak will angeblich an die Front +++
Der ehemalige ukrainische Präsidialamtschef Andrij Jermak, der am Freitag wegen Korruptionsvorwürfen zurückgetreten ist, hat angeblich vor, an die Front zu gehen. Dies habe er der „New York Post“ wenige Stunden nach seinem Rücktritt in einer Textnachricht mitgeteilt, schreibt die Zeitung. „Ich gehe an die Front und bin auf alle Repressalien vorbereitet“, wird der frühere Bürochef von Präsident Wolodymyr Selenskyj zitiert. Weiter habe Jermak geschrieben: „Ich bin ein ehrlicher und anständiger Mensch.“ Der Zeitung zufolge gab Jermak keine weiteren Details zu dem von ihm geäußerten Vorhaben bekannt und ob er sich den Streitkräften anschließen würde.
+++ 17:22 Selenskyj reist nach Paris zu Macron +++
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird am Montag zu einem Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erwartet. Thema seien die Bedingungen für einen gerechten und dauerhaften Frieden, teilt das französische Präsidialamt mit.
COMMENT: Interessant. Selenskyj reist nicht in die USA zu den dortigen Verhandlungen.
Was bedeutet das?
Dass man in Kiew nicht mit einer zumindest Waffenstillstandsvereinbarung rechnet und nun in Paris auslotet, was im Falle einer ausbleibenden US-Unterstützung für die Ukraine von Europa zu erwarten ist?
Wie kann Europa angesichts leerer Staatskassen, hoher Schulden und ziemlich leeren Waffendepots und einer erst im Entstehen befindlichen Rüstungsindustrie der Ukraine helfen?
Aber Hauptsache, das EU-Europa ist 2022 gemeinsam mit dem Korruptions-Staat Ukraine kopfüber in einen de-facto-Krieg gegen Russland gezogen.
+++ 16:40 ISW: Moskau könnte Anerkennung besetzter Gebiete für weitere Invasion benutzen +++
Einer Einschätzung aus Washington zufolge könnten Moskaus Forderungen nach einer internationalen Anerkennung der eroberten und illegal annektierten Gebiete in der Ukraine als russisches Staatsgebiet dazu dienen, eine weitere Invasion der Ukraine zu einem geeigneten Zeitpunkt zu rechtfertigen. Die Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) verweist dabei auf Aussagen von Kremlchef Wladimir Putin bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Putin habe betont, dass die Internationale Gemeinschaft die annektierten Gebiete de jure als Teil Russlands anerkennen müsse, während Russland die Anerkennung durch die Ukraine nicht benötige. Putin sagte, dass eine solche internationale Anerkennung es Russland ermöglichen würde, jegliche Verstöße gegen ein Abkommen mit der Ukraine als formellen Angriff auf Russland zu betrachten und Vergeltungsmaßnahmen zu ergreifen oder Schritte zur „Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit“ durchzuführen.
+++ 16:01 Stromversorgung für Hunderttausende Menschen wiederhergestellt +++
In der Ukraine laufen nach den russischen Angriffen von letzter Nacht die Reparaturarbeiten am Stromnetz. Mehr als 360.000 Verbraucher in Kiew haben inzwischen wieder Strom, wie das Energieunternehmen DTEK am Mittag mitteilt. Man arbeite mit Hochdruck daran, die kritische Infrastruktur wiederherzustellen und alle Haushalte mit Strom zu versorgen. Am Morgen waren landesweit mehr als 600.000 Verbraucher von der Stromversorgung abgeschnitten, davon über 500.000 in der Hauptstadt.
+++ 15:24 „Orbáns Vorschlag sorgt für Wut in der Ukraine“ +++
In Kiew kommen die jüngsten Äußerungen des ungarischen Staatschefs Viktor Orbán gar nicht gut an, wie ntv-Reporter Jürgen Weichert vor Ort berichtet. Denn auch Ungarn erlebte bereits Repressionen durch die damalige Sowjetunion.
Land soll „Pufferstaat“ werden „Orbáns Vorschlag sorgt für Wut in der Ukraine“
+++ 15:02 Zahl der Opfer nach russischen Angriffen gestiegen +++
Bei den russischen Raketen- und Drohnenangriffen in der vergangenen Nacht sind nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Selenskyj mindestens drei Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt worden. Allein von der Stadt Kiew werden zwei Tote und 37 Verletzte gemeldet. Russland habe mit 36 Raketen und fast 600 Drohnen angegriffen, sagt Selenskyj. Hauptziele seien die Energieinfrastruktur gewesen und zivile Objekte. Selenskyj spricht auch von massiven Schäden und Bränden in Wohnhäusern in Kiew und Umgebung. Landesweit haben demnach mehr als 600.000 Haushalte keinen Strom.
+++ 14:31 Insider: Ukraine attackierte Tanker von russischer Schattenflotte im Schwarzen Meer +++
Die Ukraine hat nach Angaben aus Kiewer Geheimdienstkreisen zwei Öl-Tanker der russischen Schattenflotte im Schwarzen Meer angegriffen. „Modernisierte Marinedrohnen“ vom Typ Sea Baby hätten die Schiffe „erfolgreich ins Visier genommen“, heißt es aus dem Inlandsgeheimdienst SBU. Beide Tanker seien schwer beschädigt und nicht mehr funktionsfähig. Videos sollen den Angriff belegen. Auf den unter der Flagge Gambias fahrenden Schiffen „Virat“ und Kairos“ war am Freitag im Schwarzen Meer vor der türkischen Küste Feuer ausgebrochen, insgesamt 45 Besatzungsmitglieder wurden nach türkischen Behördenangaben in Sicherheit gebracht. Mehr dazu lesen Sie hier.
Explosionen nach Drohnenangriff Ukrainischer Geheimdienst bekennt sich zu Tanker-Attacke
+++ 13:52 Selenskyj: Verhandlungsteam ist auf dem Weg in die USA +++
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sein Team für Verhandlungen über ein Ende des russischen Angriffskrieges in die USA entsandt. Das Team mit Delegationsleiter Rustem Umjerow sei bereits auf dem Weg. Es müssten rasch und substanziell die notwendigen Schritte zur Beendigung des Krieges ausgearbeitet werden, teilt Selenskyj in den sozialen Netzwerken mit. Er ernannte nach dem Rücktritt seines Bürochefs Andrij Jermak per Dekret Umjerow, den Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine und Ex-Verteidigungsminister, zum neuen Verhandlungsführer.
WEITERE UKRAINE-MELDUNGEN
Grüne fordern Taurus-Lieferung an Ukraine – BR 24, 30.11.2025, 9:30
Hannover: Zur Stunde beginnt der dritte und letzte Tag des Bundesparteitag der Grünen. Gestern hatte sich die Delegierten bereits dafür ausgesprochen, der Ukraine Taurus-Marschflugkörper zu liefern. Im verabschiedeten Leitantrag heißt es, die Durchhaltefähigkeit der Ukraine hänge nicht zuletzt „von unserer Unterstützung ab“. Die Grünen kritisierten Bundeskanzler Merz, weil er in der Opposition noch lautstark die Taurus-Lieferung gefordert habe, jetzt aber zögere. Bei der Debatte über einen Wehrdienst in Deutschland sprachen sich die meisten Delegierten für eine verpflichtende Musterung aller jungen Männer aus – gegen den Widerstand der Grünen Jugend. Allerdings solle der Wehrdienst freiwillig sein. Nach intensiven Diskussionen fand auch die Anerkennung Palästinas als Staat eine Mehrheit. Allerdings solle dies nicht sofort passieren, sondern, so wörtlich, „im aktuellen Friedensprozess“.
Krieg in der Ukraine: Friedenspläne für die Ukraine – ein Überblick – dpa via GMX, 30.11.2025, 5:03
Souveränität, Waffenruhe, Sicherheitsgarantien und Gebietsverzicht: Welche Ideen verfolgen wichtige Akteure für einen Frieden in der Ukraine?
Berlin – Um den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zu beenden, haben bereits unterschiedliche Akteure Ansätze zur Friedensfindung vorgelegt. Diese Forderungen stehen im Raum:
Vorläufiger US-Vorschlag als „russische Wunschliste“ kritisiert
Für viel Aufmerksamkeit sorgte jüngst ein vorläufiger 28-Punkte-Plan der USA, der durch Medienberichte bekannt wurde. Da dieser von der Ukraine harte Zugeständnisse verlangte, bezeichneten Kritiker ihn als „russische Wunschliste“. Die Ukraine sollte demnach ihre Souveränität behalten, aber auf einen Nato-Beitritt verzichten und atomwaffenfrei bleiben.
Die USA versprachen Kiew dafür zuverlässige Sicherheitsgarantien. Gebiete wie Luhansk und Donezk sollten als russisch anerkannt werden. Russland werde im Gegenzug „mit dem Kämpfen aufhören und kein weiteres Land mehr erobern“, sagte US-Präsident Donald Trump.
Nach Kritik an dem Vorschlag – auch aus der EU – gab es Nachverhandlungen und Anpassungen. Medienberichten zufolge wurde der Plan um einige Punkte reduziert. Der EU-Ratspräsident António Costa sagte etwa jüngst dem „Handelsblatt“, dass in einem neuen Arbeitspaper alles, was die EU und die Nato betreffe, gestrichen sei.
Kiew und Washington signalisierten zuletzt, dass eine weitgehend gemeinsame Position bestehe. Es gebe nur noch kleine Unterschiede, hieß es. Dahinter könnte sich allerdings die zentrale Frage verbergen, wie mit den russisch besetzten Gebieten der Ukraine umgegangen werden soll.
Waffenruhe währte nicht lang
Bereits im März dieses Jahres hatten die USA eine Feuerpause vermittelt. Sowohl Russland als auch die Ukraine stimmten demnach einem vorübergehenden Stopp von Angriffen auf die Energieinfrastruktur der jeweils anderen Seite zu. Dieser Ansatz sollte als realistischer erster Schritt der Vertrauensbildung dienen. Doch schließlich warfen sich beide Seiten vor, die Abmachung nicht einzuhalten. Bis heute gibt es täglich gegenseitige Angriffe auf die Energieinfrastruktur.
Die Koalition der Willigen
Unter Führung von Großbritannien und Frankreich berieten verschiedene Unterstützerstaaten Kiews, darunter auch Deutschland, als „Koalition der Willigen“ wiederholt über eine mögliche künftige Ukraine-Mission zur Absicherung einer Friedenslösung. Dabei ging es um eine mögliche Truppenpräsenz etwa im Rahmen eines Ausbildungseinsatzes. Das Vorhaben ist bis heute aktuell und soll für die Ukraine eine Sicherheitsgarantie darstellen. Russland lehnt Truppen aus Nato-Staaten zur Absicherung eines Waffenstillstands kategorisch ab – und hat gedroht, sie als militärisches Ziel zu betrachten.
Chinas Positionspapier blieb vage
China veröffentlichte bereits im Februar 2023 ein Positionspapier zum Ukraine-Krieg und forderte Verhandlungen der Kriegsparteien. Da die Auflistung allerdings kein Wegweiser zur Beilegung war, sondern eher allgemeine Positionen nannte, stieß Peking damit auf Kritik. Vor allem Kiew sah darin keine Lösung. Beobachter vermuteten eher den Versuch Chinas, in dem Konflikt nicht nur als schweigend wahrgenommen zu werden. Inhaltlich wurde etwa von der Einstellung von Feindseligkeiten und der Einhaltung des internationalen Rechts gesprochen. Zwar betont China seine Neutralität, steht aber im Westen in der Kritik, vor allem Russland zu unterstützen in seinem Krieg.
Selenskyjs „Friedensformel“ – Sicherheit und Souveränität
Bereits im Jahr 2022 skizzierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seinen Friedensplan in zehn Punkten. Darin forderte er etwa den vollständigen Abzug russischer Truppen aus dem ukrainischen Staatsgebiet, die Zahlung von Reparationen und die Verurteilung russischer Kriegsverbrecher. Ukrainische Kriegsgefangenen sollten freikommen.
Auch militärische Sicherheitsgarantien waren Teil der Forderungen.
Für den Plan gab es seinerzeit seitens der EU breite Unterstützung und Zuspruch bei mehreren großen internationalen Konferenzen.
Russland, das zu Selenskyjs Friedenskonferenzen nicht eingeladen war, kritisierte den Ansatz als völlig weltfremd.
Putins Forderungen: Ukraine soll neutral werden
Schon kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges gab es Verhandlungen zwischen Ukrainern und Russen – erst in Belarus, dann in der Türkei. Kremlchef Wladimir Putin fordert die Anerkennung russischer Souveränität über die schon 2014 annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim. Im September 2022 annektierte er die Regionen Donzek, Luhansk, Cherson und Saporischschja und erklärte sie per Verfassung zu russischem Staatsgebiet. Er verlangt, dass Kiew auf Donezk und Luhansk verzichtet – und sich aus den noch nicht von Russland kontrollierten Teilen zurückzieht. Das lehnt die Ukraine bisher ab.
In den ebenfalls nicht vollständig von russischen Truppen kontrollierten Gebieten Cherson und Saporischschja soll Moskau laut Trumps Plan einem Einfrieren an der Frontlinie zustimmen, um die Kampfhandlungen zu beenden. Die Russen wollen zudem die Entmilitarisierung und einen neutralen Status der Ukraine – ohne Nato-Beitritt.
Für Kiew kommen diese Bedingungen jedoch einer Kapitulation gleich.
Die Forderungen umfassen unter anderem einen Stopp westlicher Waffenlieferungen und ein Ende der gegen Russland gerichteten Sanktionen.
© Deutsche Presse-Agentur
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US-Politik: Ukrainische und US-Delegation erörtern Friedensplan – dpa via GMX, 30.11.2025, 4:42
Heute wollen die Ukraine und die USA ihre Friedensbemühungen bei einem Treffen einen entscheidenden Schritt voranbringen. Für die Ukraine ist nach dem Korruptionsskandal ein neuer Leiter dabei.
Washington – Die USA und die Ukraine diskutieren heute im US-Bundesstaat Florida Wege für ein Ende des russischen Angriffskriegs. Für die US-Seite sollen laut übereinstimmenden Medienberichten Außenminister Marco Rubio, der Sondergesandte von US-Präsident Donald Trump , Steve Witkoff, und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner an dem Treffen teilnehmen. Das Team der Ukraine wird von Delegationsleiter Rustem Umjerow angeführt.
Russland hatte die Ukraine am 24. Februar 2022 angegriffen. Seither verteidigt sich das Land mit Hilfe westlicher Unterstützer. Ungeachtet der Gespräche über einen Frieden greift Russland die Ukraine mit unverminderter Härte weiter an. In der Nacht zu Samstag schlugen auch wieder in der ukrainischen Hauptstadt Kiew russische Raketen und Kamikaze-Drohnen ein. Erneut wurden dabei ukrainischen Angaben zufolge Menschen getötet und verletzt.
Am Samstag hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky bekanntgegeben, ein Verhandlungsteam in die USA zu Gesprächen entsandt zu haben. In seiner in Kiew verbreiteten abendlichen Videobotschaft sagte er, „es ist durchaus realistisch, in den nächsten Tagen die Schritte zu finalisieren, um zu bestimmen, wie der Krieg würdig beendet werden kann“. Es müssten rasch und substanziell die notwendigen Schritte ausgearbeitet werden.
Selenskyj: Ukraine arbeitet konstruktiv mit
Ursprünglich hatte der Bürochef von Selenskyj, Andrij Jermak, die Verhandlungen geführt; er trat allerdings am Freitag zurück, nachdem Korruptionsermittler seine Wohnräume durchsucht hatten. Selenskyj hatte deshalb die Verhandlungsdelegation per Dekret neu gefasst. Auch Umjerows Name fiel schon im Zusammenhang mit den Korruptionsermittlungen, er wies aber jede Beteiligung zurück.
„Die Ukraine arbeitet weiterhin auf möglichst konstruktive Weise mit den Vereinigten Staaten zusammen“, teilte Selenskyj weiter mit. Er hatte einen 28-Punkte-Plan von US-Präsident Donald Trump, der von Kritikern als russische Wunschliste betitelt worden war, bei Verhandlungen in Genf mit europäischen und amerikanischen Vertretern überarbeiten lassen. In den USA geht es um noch strittige Punkte.
Umjerow teilte mit, dass er in den USA um die nächsten Schritte für einen gerechten und dauerhaften Frieden ringen wolle. Er hatte in diesem Jahr auch schon mehrfach mit russischen Vertretern in Istanbul verhandelt, Ergebnisse waren unter anderem Austausche von Gefangenen und getöteten Soldaten. Er soll später erneut Gespräche mit der russischen Seite führen.
US-Vertreter kommende Woche in Moskau erwartet
US-Vertreter werden in der ersten Hälfte der kommenden Woche auch zu Verhandlungen über den Plan von Trump in Moskau erwartet. Nach Kremlangaben sollen die eingearbeiteten Vorschläge der Ukraine und der EU auch Russland vorliegen.
Allerdings ist unklar, ob Russland einer solchen Fassung zustimmen wird. Moskau ist in den vergangenen Monaten von seinen Kriegszielen nicht abgerückt und besteht nach wie vor auf große Gebietsabtretungen im Donbass zu seinen Gunsten, einem Verzicht auf eine Nato-Mitgliedschaft und einem nur begrenzt verteidigungsfähigen Militär. Kremlchef Wladimir Putin hatte sich bereit gezeigt zu Friedensgesprächen. Eine Vereinbarung über einen Waffenstillstand ist aber bisher nicht in Sicht.
© Deutsche Presse-Agentur
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BAHA-NEWS
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USA
USA – VENEZUELA – Luftraum „geschlossen“: Sorge vor Eskalation zwischen USA und Venezuela wächst – afp / GMX, 30.11.2025, 6:30
Die Spannungen zwischen Trump und Venezuelas Staatschef Maduro wachsen. Nun erklärt der US-Präsident den Luftraum über dem südamerikanischen Staat für „gesperrt“ – und warnt.
Vor dem Hintergrund wachsender Spannungen mit Venezuelas Staatschef Maduro hat US-Präsident Trump den Luftraum über dem südamerikanischen Land für „geschlossen“ erklärt. Auf Online-Plattformen veröffentlichte Trump eine entsprechende Warnung.
Trump hat mit einer Erklärung zur Schließung des venezolanischen Luftraums Befürchtungen vor einer unmittelbar bevorstehenden militärischen Eskalation in dem südamerikanischen Land geschürt. Auf Online-Plattformen veröffentlichte Trump am Samstag eine Warnung „an alle Fluggesellschaften, Piloten, Drogenhändler und Menschenschmuggler“. Diese sollten „bitte den Luftraum über und um Venezuela in seiner Gesamtheit als geschlossen ansehen“, erklärte Trump ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Venezuelas Regierung beschwerte sich über die „kolonialistische Bedrohung“.
„Venezuela verurteilt die kolonialistische Bedrohung, die darauf abzielt, die Souveränität seines Luftraums zu beeinträchtigen“, erklärte das Außenministerium in Caracas. Es handele sich um eine „extreme, illegale und ungerechtfertigte Aggression gegen das venezolanische Volk“.
USA und Venezuela verstärken Militärpräsenz
Die venezolanische Armee hielt derweil Truppenübungen entlang von Küstengebieten ab. Aufnahmen im venezolanischen Staatsfernsehen zeigten die Verwendung von Flugabwehrwaffen und anderer Artillerie.
Am Freitag vergangener Woche hatte die US-Luftfahrtbehörde FAA vor dem Hintergrund der verstärkten US-Militärpräsenz in der Karibik vor Gefahren im venezolanischen Luftraum gewarnt. Flugzeuge, die das Gebiet durchquerten, sollten „Vorsicht walten lassen“, erklärte sie. Als Grund nannte die Behörde die „sich verschlechternde Sicherheitslage und die verstärkten militärischen Aktivitäten in oder um Venezuela“. Mehrere Fluggesellschaften strichen daraufhin ihre Flüge nach Venezuela.
Die USA hatten in den vergangenen Wochen mehrere Kriegsschiffe und den größten Flugzeugträger der Welt in die Karibik entsandt – nach eigenen Angaben, um den Drogenhandel zu bekämpfen. Venezuelas linksnationalistischer Präsident Nicolás Maduro vermutet dagegen, dass die rechtsgerichtete Regierung in Washington seinen Sturz plant.
Konflikt mit Drogenkartellen
Washington wirft Caracas vor, Drogenbanden zu kontrollieren und gezielt gegen die USA einzusetzen und damit deren Sicherheit zu gefährden.
Seit September greifen US-Streitkräfte immer wieder Boote angeblicher Drogenschmuggler in der Karibik und im Ostpazifik an. Dabei wurden nach US-Angaben bislang mehr als 80 Menschen getötet und mehr als 20 Schiffe getroffen. Beweise für die Nutzung der Boote zum Drogenschmuggel und zur Gefährdung der USA durch die Schiffe legten die USA nicht vor.
Das Pentagon hat den US-Kongress offiziell darüber informiert, dass sich die USA in einem „bewaffneten Konflikt“ mit lateinamerikanischen Drogenkartellen befänden, die es als terroristische Gruppen bezeichnet. Mutmaßliche Drogenschmuggler werden dementsprechend als „unrechtmäßige Kombattanten“ eingestuft. Die venezolanische Drogenbande Cartel de los Soles war von Washington Mitte November als ausländische „Terrororganisation“ eingestuft worden. Die Trump-Regierung wirft Maduro vor, an der Spitze dieses Kartells zu stehen, was Caracas entschieden zurückweist.
Trump stößt auf Gegenwind
Mehrere Kongressabgeordnete zeigten sich verärgert über die Tatsache, dass Trump die für einen Armeeeinsatz gegen Venezuela notwendige Zustimmung durch die Legislative bislang nicht eingeholt hat. „Gemäß unserer Verfassung hat der Kongress die alleinige Befugnis, den Krieg zu erklären“, erklärte der demokratische Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer, im Onlinedienst X.
Auch die republikanische Rechtsaußen-Abgeordnete Marjorie Taylor Greene erklärte: „Zur Erinnerung, der Kongress hat die alleinige Befugnis, den Krieg zu erklären.“ Greene galt bis zu einem Zerwürfnis mit dem US-Präsidenten unter anderem wegen des Streits um die Epstein-Akten als glühende Trump-Unterstützerin.
Am Donnerstag hatte Trump angekündigt, in Kürze auch an Land gegen mutmaßliche venezolanische Drogenhändler vorzugehen. „Wir werden damit beginnen, sie auf dem Landweg zu stoppen“, sagte Trump. Dies werde „sehr bald“ beginnen.
Am Freitag berichtete die Zeitung „New York Times“, Trump und Maduro hätten kürzlich telefoniert. Dabei hätten sie über ein mögliches Treffen in den USA gesprochen.
Empörung im Kongress über Vorgehen gegen mutmaßliche Drogenschmuggler
Zugleich lösten Medienberichte über das Vorgehen der US-Armee gegen mutmaßliche Drogenschmuggelboote in der Karibik Empörung im Kongress aus. Am Freitag berichteten US-Medien, bei dem ersten öffentlich gemachten Einsatz der US-Armee gegen derartige Boote am 2. September hätten die Soldaten überlebende Bootsinsassen getötet.
Vor dem Einsatz habe US-Verteidigungsminister Pete Hegseth den Befehl gegeben, alle an Bord des Bootes zu töten, berichteten die „Washington Post“ und CNN. Nach dem Raketenangriff hätten sich zwei Überlebende an das brennende Boot geklammert, schrieb die „Washington Post“. Die Armee habe daraufhin erneut auf sie geschossen.
Hegseth sprach in Online-Netzwerken von „Fake News“. Die Einsätze in der Karibik seien „rechtmäßig sowohl nach US- als auch nach internationalem Recht“, versicherte der Pentagon-Chef.
Der demokratische US-Abgeordnete Seth Moulton erklärte dagegen, das Töten von Überlebenden sei „offenkundig illegal“. „Merken Sie sich meine Worte: Es wird einige Zeit dauern, aber Amerikaner werden dafür strafrechtlich verfolgt werden, entweder wegen Kriegsverbrechen oder richtiggehenden Mordes“, fügte der Armeeveteran hinzu. (afp/bearbeitet von sbi)
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USA – VENEZUELA – Eskalation im Streit: Trump erklärt venezolanischen Luftraum für „vollständig geschlossen“ – GMX, 29.11.2025, 16:11
Mit einer drastischen Warnung erklärt Donald Trump den Luftraum über Venezuela für geschlossen – während sich die Spannungen zwischen Washington und Caracas weiter zuspitzen.
US-Präsident Donald Trump hat mitgeteilt, dass er den Luftraum über Venezuela für geschlossen erklärt. „An alle Fluggesellschaften, Piloten, Drogendealer und Menschenschmuggler, bitte halten Sie den Luftraum über und um Venezuela für vollständig geschlossen“, schrieb Trump auf seinem sozialen Netzwerk Truth Social. Es war nicht unmittelbar klar, ob sich aus dem Posting direkte Folgen ergeben. Laut internationalem Recht haben Länder selbst das Recht, unabhängig über ihren Luftraum zu bestimmen, erklärt der internationale Fluglotsenverband IFATCA auf seiner Webseite.
Die venezolanische Regierung hatte zuvor sechs ausländischen Fluggesellschaften die Betriebserlaubnis in dem südamerikanischen Land entzogen. Zahlreiche internationale Airlines hatten ihre Verbindungen nach Venezuela zuletzt vorübergehend eingestellt, nachdem die US-Luftverkehrsbehörde (FAA) wegen der schlechten Sicherheitslage und erhöhter militärischer Aktivität bei Flügen zum Airport von Caracas zu besonderer Vorsicht aufgerufen hatte.
Washington hat den weltgrößten Flugzeugträger geschickt
Seit Wochen verschärft Trump den Ton und das Vorgehen gegenüber dem südamerikanischen Land. Die Vereinigten Staaten hatten zusätzliche Soldaten in der Karibik zusammengezogen und den weltgrößten Flugzeugträger „USS Gerald R. Ford“ aus dem Mittelmeerraum abgezogen und – begleitet von weiteren Kriegsschiffen und einem Langstreckenbomber – in die Region verlegt. Nach Angaben der Regierung in Washington dient der Einsatz dem Kampf gegen Drogenschmuggler.
Angesichts dieser zunehmenden Spannungen wurde darüber spekuliert, dass ein Angriff auf Ziele in Venezuela bevorstehen könnte. Vermutet wurde, dass die US-Regierung womöglich einen Machtwechsel in Caracas anstreben könnte.
Kubas Außenminister Bruno Rodríguez warf den USA nun vor dem Hintergrund ihrer erhöhten Militärpräsenz im Luftraum der Karibik „anhaltende elektromagnetische Interferenzen“ in der Region vor. Solche Störungen können die Kommunikations- und Navigationssysteme von Flugzeugen beeinträchtigen. Insbesondere Venezuela sei davon betroffen, schrieb Rodríguez auf der Plattform X. Dies sei Teil der Eskalation der „militärischen Aggression und psychologischen Kriegsführung“ Washingtons gegen Caracas, kritisierte der kubanische Minister. (dpa/bearbeitet von skr)
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FERNER OSTEN
CHINA – Stimmung in Chinas Industrie weiterhin eingetrübt – dpa via GMX, 30.11.2025
Seit April steckt das herstellende Gewerbe in China in einem hartnäckigen Stimmungstief. Auch die Daten für den Dienstleistungssektor sind im November schwach ausgefallen.
Peking – Chinas Industrie überwindet ihr Stimmungstief auch im achten Monat in Folge nicht. Nach Angaben des Statistikamtes in Peking lag der entsprechende Einkaufsmanagerindex (PMI) für das produzierende Gewerbe im November bei 49,2 Punkten. Damit stieg der ökonomische Frühindikator zwar um 0,2 Punkte im Vergleich zum Vormonat, doch verharrt er seit einschließlich April unter dem wichtigen Schwellenwert von 50 Punkten, ab der man von einer Ausweitung der Aktivität in den Betrieben ausgeht.
Ebenfalls schwach zeigte sich die Stimmung in den Dienstleistungsbetrieben. Hier sank der entsprechende Indexwert des Statistikamtes um 0,6 Punkte auf 49,5 Punkte. Damit liegt er nun ebenfalls unter der wichtigen Marke von 50 Punkten.
In China drückt schon lange eine Immobilienkrise auf die Wirtschaftsleistung. In Teilen der Industrie herrscht zudem ein erbitterter Preiskampf, der empfindlich auf die Gewinne der Unternehmen drückt. Zudem führte der Handelsstreit mit den USA dazu, dass Firmen auf andere Märkte ausweichen müssen.
© Deutsche Presse-Agentur
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NAHER OSTEN – MENA WATCH (Mena-Watch auf Wikipedia)
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EUROPA
FRANKREICH – „Man sah sie laufen“: Bettwanzen-Alarm: Pariser Filminstitut schließt Kinosäle – dpa / GMX, 29.11.2025
Nach dem Kultfilm „Alien“ krabbeln plötzlich Bettwanzen durch die Cinémathèque française – Besucher posten Schockfotos, das Kino schließt nun seine Säle. Was steckt hinter dem erneuten Wanzen-Alarm?
Zwei Jahre nach der Aufregung um Bettwanzen in Frankreich schrecken die Parasiten in Paris erneut die Menschen auf. Wie das altehrwürdige französische Filminstitut mitteilte, schließt es seine Kinosäle wegen Hinweisen auf Bettwanzen für einen Monat.
Um den Krabbeltierchen den Garaus zu machen, würden sämtliche Kinositze demontiert und anschließend mehrfach einzeln mit 180 Grad heißem Trockendampf behandelt, bevor sie systematischen Kontrollen durch Spürhunde unterzogen würden. Der Teppichboden werde mit derselben Sorgfalt behandelt, berichtet das Filminstitut.
Zuschauer melden Wanzenbisse während Horrorfilm
Zu Hinweisen auf Bettwanzen in der Cinémathèque française kam es nach einem Bericht des Senders RTL ausgerechnet nach einer Vorführung des Science-Fiction-Horrorfilms „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979), bei der auch die an dem Kultfilm beteiligte US-Schauspielerin Sigourney Weaver vor Ort war.
„Man sah sie über die Sitze und Kleidung laufen.“ – Kinobesucher Madani Bendjellal
Mehrere Kinobesucher teilten im Netz Fotos der mutmaßlichen Wanzen und berichteten, sie seien gebissen worden. „Man sah sie über die Sitze und Kleidung laufen“, sagte Kinobesucher Madani Bendjellal der Zeitung „Le Parisien“.
Bettwanzen-Aufregung in Paris bereits im Jahr 2023
Ausgangspunkt der Aufregung um Bettwanzen im Sommer 2023 waren ebenfalls Hinweise aus einem Pariser Kino. Anschließend meldeten Menschen verstärkt vermeintliche oder tatsächliche Wanzen auch aus Zügen und anderen Orten – oft begleitet von entsprechenden Fotos der mutmaßlichen Parasiten. Frankreich warf später Russland vor, die Bettwanzen-Hysterie in Frankreich vor den Olympischen Spielen 2024 absichtlich in den sozialen Medien angefacht zu haben.
Auch in Deutschland sind die vor Jahrzehnten noch quasi verschwundenen Wanzen wieder ein Thema, unter anderem durch das viele Reisen. Die Wanzen saugen Blut und leben in bewohnten geschlossenen Räumen. Sie verstecken sich etwa in Betten, Möbelfugen oder Ritzen. (dpa/bearbeitet von sbi)
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COMMENT: Seit längerem schon – weit vor 2023 – gab es Bettwanzen-Alarm in europäischen Ländern, vor allem in den warmen südlichen Staaten und jenen auf dem Balkan, kamen aber auch in österreichischen Hotels vor (Innsbruck). Sie sind ein Schrecken der Beherbergungsbetriebe. Pressemitteilungen werden aus naheliegenden Gründen vermieden: Bettwanzen in einem Touristenort könnten der der dortigen Tourismuswirtschaft einigen Schaden zufügen.
Grund der Ausbreitung ist die hohe Touristen-Mobilität, die die Blutsauger von einem Ort in den nächsten, von einem Hotel zum nächsten transportieren. Dort lassen die Wanzen von ihren Wirten ab, verkriechen sich tagsüber in dunklen Ritzen und kriechen nächtens bis zur Zimmerdecke, wo sie sich auf das Objekt ihrer Begierde herabfallen lassen. Zudem können sie wochenlang ohne Blutmahlzeit ausharren.
Weibchen werden fortlaufend begattet und legen täglich ein bis zwölf Eier ab, aus denen sich über Zwischenstufen erwachsene Bettwachsen entwickeln.
Wanzenstiche sind nicht sehr angenehm, erzeugen u.U. heftig juckende Stichquaddeln und gelegentlich Blasen. Allergische Reaktionen sind möglich.
DEUTSCHLAND – WAHLUMFRAGEN
Grünen – Parteitag
UMFRAGEN
| Sa | Umfrage zeigt: Mehrheit wünscht digitale Zahlung und weniger Bonpflicht | 1 | RETAIL-NEWS Deutschland |
Trübe Aussichten: Mittelstand bremst Investitionen – dpa via GMX, 29.11.2025
Weniger als zwei Drittel der Mittelständler wollen frisches Geld in ihr Unternehmen stecken – so gering war die Investitionsbereitschaft zuletzt 2009. Für die gedrückte Stimmung gibt es Gründe.
Frankfurt/Berlin – Keine Entwarnung im Mittelstand angesichts der anhaltenden Konjunkturflaute: Zwar bewerten die Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage erstmals seit dem Frühjahr 2023 wieder etwas besser als ein halbes Jahr zuvor. Dafür trübten sich in der Herbstumfrage von DZ Bank und Bundesverband Deutscher Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) die Erwartungen der Mittelständler für die nächsten sechs Monate ein.
Blickten im Frühjahr noch 30 Prozent der gut 1.000 befragten Unternehmen optimistisch auf die nächsten sechs Monate, sind es nun noch 26 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Mittelständler mit einem pessimistischen Blick auf die nähere Zukunft von 16 Prozent auf 20 Prozent. Mehrheitlich pessimistisch gestimmt hinsichtlich ihrer Geschäftsentwicklung sind Unternehmen im Agrarsektor, im Ernährungsgewerbe und im Baugewerbe.
Vier von fünf Mittelständlern klagen über Bürokratie, hohe Lohn- und Gehaltskosten machen knapp zwei Drittel der Befragten zu schaffen, mehr als 60 Prozent der Unternehmen berichten über Fachkräftemangel. Zumindest Lieferengpässe sind für die große Mehrheit der Mittelständler derzeit kein Problem – obwohl im Handelskonflikt zwischen den USA und China wieder Sorge um die Versorgung mit seltenen Erden und Halbleitern aufgekommen ist.
Staatliche Milliarden könnten helfen – aber auch Reformen erwartet
„Ein kleiner Lichtblick für die Zukunft könnten die vom Bund aufgelegten Fiskalpakete für die Infrastruktur und die Verteidigung darstellen“, heißt es in der Analyse. „Zudem sollte die Kapazitätsauslastung ihre Talsohle langsam durchschritten haben. Angesichts des weiterhin sehr niedrigen Niveaus ist es hier aber noch zu früh für eine Entwarnung.“
Die Autoren der Studie „Mittelstand im Mittelpunkt“, die BVR und DZ Bank zweimal im Jahr gemeinsam erstellen, mahnen: „Wünschenswert wären darüber hinaus längst überfällige, langfristig wirkende Reformen, aber auch stärkere Maßnahmen der Politik gegen die wichtigsten aktuellen Problemfelder Bürokratie, Lohnkosten und Fachkräftemangel. Die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung sind hier allenfalls ein erster Schritt in die richtige Richtung.“
Investitionsbereitschaft so schwach wie in der Finanzkrise
Wegen des weiterhin unsicheren Umfelds stehen Deutschlands Mittelständler bei Investitionen auf der Bremse wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr. Weniger als zwei Drittel (62,8 Prozent) planen, im nächsten halben Jahr in ihr Unternehmen zu investieren. Das liegt den Angaben zufolge deutlich unter dem langjährigen Durchschnittswert von knapp 73 Prozent und sei das schlechteste Ergebnis seit dem Herbst 2009, als die globale Finanz- und Wirtschaftskrise für Verwerfungen sorgte.
Eine Mehrheit der befragten Mittelständler plant für die nächsten sechs Monate Personalabbau, um Kosten zu senken. Zudem wird es für die Kundschaft teurer: Wieder mehr Unternehmen beabsichtigen ihre Absatzpreise anzuheben.
© Deutsche Presse-Agentur
Ostbeauftragte will neue Vermögensverteilung zwischen Ost und West – 30.11.2025
Berlin – Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), hat die ungleiche Verteilung von Eigentum zwischen Ost und West kritisiert. „Um die Demokratie zu stärken, muss der Staat die Vermögensunterschiede genauer in den Blick nehmen“, schreibt sie in einem Gastbeitrag für den „Stern“.
Die Ungleichheit erzeuge bei immer mehr Ostdeutschen das Gefühl, dauerhaft benachteiligt zu sein, erklärte die Staatsministerin im Finanzministerium. „Es geht dabei nicht nur um materielle Fragen, sondern auch um Anerkennung, Respekt, Gerechtigkeit.“ Der Abstand habe sich seit der Jahrtausendwende sogar nochmals leicht vergrößert, erklärte sie. Zudem werde im Osten nicht nur seltener geerbt als im Westen: Auch die Beträge seien deutlich geringer.
Hinzu kommen aus Sicht Kaisers mangelnde Finanzkenntnisse im Osten. Ostdeutsche mieden aus Erfahrungen der Transformationsjahre Investments mit höheren Renditeversprechen, schreibt sie. Im Westen nähme hingegen die Risikofreude mit dem durchschnittlichen Vermögen zu.
Kaiser fordert deshalb eine Reform der Erbschaftssteuer. „Es kann nicht sein, dass wir Erbschaften und Vermögen geringer besteuern als Löhne und Gehälter“, erklärte sie. Die Länder sollten die zusätzlichen Einnahmen ins Bildungssystem investieren, um so langfristig „mehr Chancengleichheit auch beim Vermögensaufbau“ zu erreichen.
Zudem schlug Kaiser vor, den Immobilienerwerb stärker zu fördern. Nur 30 Prozent der Ostdeutschen lebten im Eigenheim. Im Westen seien es 40 Prozent.
© 2025 dts Nachrichtenagentur
ÖSTERREICH – WAHLUMFRAGEN – APA-WAHLTREND
Alpenvereine warnen: Dreiste Besucher in Berghütten: „Unverschämtes Benehmen nimmt zu – Sophie Bierent, GMX, 30.11.2025
Zur Autorin Sophie Bierent
Müll in den Schlafräumen, Diebstahl von Brennholz, Vandalismus: Hüttenpächter klagen vermehrt über dreistes Verhalten ihrer Gäste. Laut den Alpenvereinen nimmt unverschämtes Benehmen in den Bergen zu – das ist nicht nur ärgerlich, sondern kann sogar lebensgefährlich werden.
COMMENT: Folgen der Anspruchs- und Ich-Ich-Ich-Gesellschaft. Zuerst die eigene Bequemlichkeit, dann kommt lange nichts. Solidarität und soziales Verhalten – die Predigt-Inhalte der linken Reichshälfte – braucht wir nicht. Basta.
Ja, der böse Neoliberalismus macht die Menschen zu Egoisten.
Eher: Ja, die leeren Staatskassen und das Monatsende ohne Geld mehr in der Kassa. Ja, die wundersame Innen- und Außenpolitik seit Jahrzehnten samt jahrelangem Ukraine-Krieg und sanktionsgetriebener hoher Inflation. Die schüren einige Zukunftsängste, verschärft durch Arbeits-Absentismus und himmelhohes Anpruchsdenken. Das macht das Hemd erstrebenswerter als die Jacke.
Danke Sozialdemokratie und Grüne, und eigentlich auch allen anderen Parteien. Politik für die Bürger? Nein, das wollen wir Politiker, die Mehrheit davon akademisch verbildet, nicht. Abgehobenheit von den Menschen ist die Maxime.
Und vor allem auch: Macht, Macht, Macht für die Partei. Wahlzuckerln nährten jahrzehntelang und nähren weiter die dadurch wachsenden Ansprüche der auf diese Weise Verwöhnten. Die Wahlzuckerln stammen – sehr sozial und ach so human – vor allem dem linken Eck. Das rechte Eck hatte da weniger zu bieten, kann’s aber auch recht gut.
Realpolitik? Gibt es schonlange nicht mehr.
Dass es in den Bergen keine Müllabfuhr und nur begrenzt Wasser gibt, sollte eigentlich klar sein. Und dennoch gibt es Bergsteiger, denen das offensichtlich egal ist. Laut dem Alpenverein Österreich nehmen Achtlosigkeit und Rücksichtslosigkeit auf Alpenvereinshütten spürbar zu. Wegen immer größerer Besucherströme werde das zur Belastung, heißt es in einer Mitteilung.
„Auch auf unseren Hütten in Österreich und Deutschland beobachten wir leider diese Entwicklung schon seit einigen Jahren“, berichtet Markus Block vom Alpenverein München und Oberland. Nach der Sommer- und mit Start der Wintersaison zieht er im Gespräch mit unserer Redaktion Bilanz.
Viel Müll und zu viel Wasserverbrauch werden zur Belastung für Hütten
Block erzählt, dass das Personal der Hütten die Lager und Zimmer nach jeder Nacht aufräumen müsse und dabei regelmäßig zurückgelassenen Müll finde. „Das nimmt zu“, sagt er und schildert: „Anstatt ihren Müll wieder mitzunehmen, stecken Besucher ihn zwischen Matratzen, hinter irgendwelche Schindeln oder Klokästen. Hauptsache, sie müssen das Zeug nicht runterschleppen. Das ist in den letzten zwei, drei Jahren spürbar schlimmer geworden.“
Ein weiteres Problem neben dem Müll sei der Wasserverbrauch. „Einige haben den Luxusanspruch, lange zu duschen“, erzählt Block. „Aber wegen der knappen Ressourcen sollte so wenig Wasser wie möglich genutzt werden. Kurz Zähneputzen, einmal das Gesicht waschen – das muss reichen.“ Auf einigen Hütten gebe es nicht einmal Duschen, fügt er an. Auch darauf müssten sich Bergsteiger einstellen.
Vandalismus in Winterräumen kann lebensgefährlich werden
Dass „unglaublich viel Müll“ liegen gelassen wird – dieses Problem gibt es nicht nur auf bewirtschafteten Hütten, sondern auch in sogenannten Winterräumen. Immer häufiger werden dort laut Block Partys gefeiert.
Was sind Winterräume?
- Winterräume sind nicht verschlossene Anbauten an den im Sommer bewirtschafteten Hütten. Ist die Hütte im Winter geschlossen, kann man sich dort aufwärmen; es gibt Brennholz und einen Ofen.
- Ursprünglich waren die Winterräume als Zufluchtsort für Notlagen oder Winter-Querungen gedacht, zum Beispiel im Karwendel oder auf der Zugspitze.
Nach Partys findet der Alpenverein dann oft leere Schnaps- und Sektflaschen oder sogar Schlafsäcke. „Teilweise geht das sogar Richtung Vandalismus“, sagt Block. „Vergangenes Jahr haben wir einige unsere Winterräume verwüstet vorgefunden.“
„Findet man einen Raum so vor und kann nicht heizen, kann das im Winter lebensgefährlich werden. Das ist absolut unverantwortlich.“
Markus Block über Vandalismus in Winterräumen
Als Beispiel nennt er einen herausgerissenen Ofen, der danach wieder falsch angeschlossen worden sei, und aufgebrauchtes Brennholz. „Findet man einen Raum so vor und kann nicht heizen, kann das im Winter lebensgefährlich werden. Das ist absolut unverantwortlich“, sagt er eindringlich.
Einen besonders krassen Fall habe es im April auf der Knorrhütte unterhalb der Zugspitze gegeben: „Dort wurde in das Haupthaus eingebrochen, um an Brennholz zu kommen, was dann wiederum zur Folge hatte, dass dort der Schnee reinwehte. Hätten wir nicht rechtzeitig von dem Vorfall erfahren, wäre es zu einem Wasserschaden gekommen.“
Auf den Hütten gibt es bereits Hinweisschilder, wie man sich richtig zu verhalten hat. Wegen der Vorfälle haben der Alpenverein Österreich, der Deutsche Alpenverein und der Alpenverein Südtirol nun auch einen neuen Hüttenknigge erstellt. Darin sind zehn zentrale Regeln formuliert, etwa zur Müllentsorgung, zur Nutzung von Strom und Wasser oder zum Verhalten in Trockenräumen.
Auch Carolin Scharfenstein, Mitarbeiterin der Abteilung Hütten und Wege im Österreichischen Alpenverein, betont, dass all das „gelebte Verantwortung am Berg“ sei. Der Alpenverein Österreich appelliert, dass Alpenvereinshütten „Orte der Erholung, Begegnung und des Schutzes“ seien. Damit das so bleibe, brauche es Rücksicht, Verständnis und Achtsamkeit.
Bergsteigen seit der Corona-Pandemie immer beliebter
Vor allem im Sommer sind die Alpenvereinshütten entlang beliebter Routen immer stärker frequentiert. Bergsteigen ist in den vergangenen Jahren noch einmal beliebter geworden, vor allem seit der Corona-Pandemie. „Wir vermuten, dass dieser Negativtrend damit zusammenhängt“, sagt Block.
Einige der Wanderer seien allerdings „schlecht ausgerüstet und vor allem auch schlecht ausgebildet. Sie überschätzen sich oder kennen sich nicht gut genug aus.“ Eine der Folgen: „Die Anzahl der Unfälle in den Bergen nimmt deutlich zu.“
Bei allem Ärger über Achtlosigkeit und Rücksichtslosigkeit auf den Alpenvereinshütten betont Block aber auch: „Dieses unverschämte Benehmen nimmt zwar zu, aber die allermeisten Bergsteiger und Bergsteigerinnen verhalten sich korrekt.“
Verwendete Quellen
- Gespräch mit Markus Block, Pressesprecher des Alpenvereins Sektion München und Oberland
- Pressemitteilung des Alpenvereins Österreich: „Rücksichtslosigkeit auf Hütten: Alpenverein setzt mit neuem Hüttenknigge auf Bewusstseinsbildung“
- Hüttenknigge der Alpenvereine
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Die Koralmbahn als Meilenstein der Südstrecke – ÖBB-Werbung / Kurier, 12.11.2025
Der schnellste Weg zwischen zwei Punkten ist eine Gerade – der schnellste Weg zwischen Graz und Klagenfurt führt mitten durch die Koralpe: Mit dem Fahrplanwechsel am 14. Dezember 2025 eröffnet die Koralmbahn für den Fahrgastbetrieb.
Fahrzeiten zwischen Graz und Klagenfurt. Bis zu 250 km/h sind möglich. Gleichzeitig steigt die Streckenkapazität auf der Südstrecke schlagartig um rund 30 Prozent. Die Weststeiermark und Südkärnten sind wesentlich besser erreichbar– genauso wie unsere Nachbarländer. 27 Jahre haben tausende Menschen dafür gearbeitet und mit viel Innovation eine neue umweltfreundliche Lebensader geschaffen.
Höchste Ingenieurskunst und modernste Zugsicherung
Mit einer Länge von 130 Kilometern ist die Koralmbahn die größte neu errichtete Bahnstrecke Österreichs seit mehr als 100 Jahren. Insgesamt liegen 12 Tunnel mit einer Gesamtlänge von 50 Kilometern entlang der Strecke. Herzstück ist der 33 Kilometer lange Koralmtunnel. Die Strecke ist mit modernster Zugsicherung ausgestattet: Mit dem European Train Control System (ETCS) lassen sich fahrende Züge kontinuierlich von außen überwachen und steuern.
Ein neuer Wirtschaftsraum
Insgesamt wurden rund 5,9 Milliarden Euro in den Bau der neuen Strecke investiert und damit viele Tausende Arbeitsplätze und heimische Wertschöpfung geschaffen. Die Koralmbahn zählt damit zu den herausragendsten Infrastrukturprojekten Europas und lässt nun den zweitgrößten urbanen Ballungsraum Österreichs mit rund 1,1 Millionen Menschen entstehen. Damit zieht die Region mit deutschsprachigen Metropolen wie Berlin, Hamburg, München und Wien gleich und eröffnet die Chance auf neue wirtschaftliche Impulse.
Als Teil des wichtigen internationalen Korridors „Ostsee – Adriatisches Meer“ verbindet sie wichtige Seehäfen und bringt den Norden und Süden Europas wirtschaftlich näher zusammen.
Die Zukunft kann kommen
Die Koralmbahn ist Teil der neuen Südstrecke. Mit der Fertigstellung des Semmering Basistunnels im Jahr 2030 werden sich Fahrtzeiten noch weiter verkürzen: Wien – Klagenfurt werden dann in nur 2:40 Stunden miteinander verbunden sein. Da hält kein anderes Verkehrsmittel mit!
2 Hauptstädte – 1 Fest
Am 12.12.2025 ab 10 Uhr findet die große Eröffnungsfeier an den Hauptbahnhöfen Graz und Klagenfurt statt. Die Besucher:innen erwartet ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm mit Unterhaltung, Information und Konzerten bei freiem Eintritt. Alle Infos zur Eröffnungsfeier und Live-Übertragung: suedstrecke.oebb.at
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MEDIZIN
Neue Studie: Ab diesem Alter beginnt das Altern im Gehirn – GMX, 27.11.2025
Eine neue Studie identifiziert vier bedeutende Wendepunkte der Gehirnentwicklung während der gesamten Lebensspanne. Demnach entfalte das Gehirn sein volles Potenzial erst Anfang der 30er.
In welchem Alter ist unser Hirn voll ausgereift? Bisherige Studien legten nahe, dass wir mit rund 25 Jahren richtig erwachsen und unsere Gehirne vollständig entwickelt sind. Klar war jedoch: Das Gehirn entwickelt sich ein Leben lang weiter, lernt dazu und baut Fähigkeiten aus, die mit steigendem Alter zum Teil wieder schwinden.
Nun zeigt eine aktuelle Studie: Das Hochplateau von Intelligenz und Persönlichkeit erreicht das Gehirn erst deutlich später – und zwar mit 32 Jahren. Mehr noch: Die Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler identifizierten fünf „bedeutende Epochen“, die die Gehirnstruktur im Laufe des Lebens durchläuft. Die Studie wurde im Fachblatt „Nature Communications“ veröffentlicht.
Über die Studie
- Die Forschenden von der University of Cambridge analysierten die Gehirne von 3.802 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter zwischen null und 90 Jahren.
- Die Gehirne der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden anhand von Datensätzen aus MRT-Diffusionsmessungen analysiert und verglichen. Die Scans bilden neuronale Verbindungen ab, indem sie die Bewegung von Wassermolekülen durch das Gehirngewebe verfolgen. Dadurch lassen sich entscheidende Entwicklungen über die Lebensspanne hinweg erkennen.
In diesem Alter finden die Wendepunkte statt
Die fünf Epochen werden unterteilt von vier Wendepunkten, an denen sich unser Gehirn neu konfiguriert. Der Analyse zufolge finden die Wendepunkte in der Gehirnentwicklung im Alter von neun, 32, 66 und 83 Jahren statt.
Die Lebensabschnitte sind dabei jeweils von unterschiedlichen Umbau- und Entwicklungsprozessen im Hirn geprägt. „Diese Phasen liefern uns wichtige Informationen darüber, welche Stärken und Schwächen unsere Gehirne in unseren verschiedenen Lebensphasen haben“, sagt die Leiterin der Studie, Alexa Mousley, von der University of Cambridge. Das könnte den Forschenden dabei helfen, zu verstehen, warum sich manche Gehirne an diesen Schlüsselmomenten abweichend entwickeln – seien es Lernschwierigkeiten in der Kindheit oder Demenz im Alter.
Das Diagramm zeigt, bei welchen Altersstufen die Analyse am häufigsten Wendepunkte der Gehirnentwicklung fand. © Mousley et al./ Nature Communications, CC-by 4.0
Die fünf Epochen im Überblick
- 1. Epoche (Kindheit): Hirnnetzwerk wird komplexer und stabiler
Die erste Epoche dauert von der Geburt bis zu dem ersten Wendepunkt im Alter von neun Jahren. In diesem Lebensabschnitt entstehen zahlreiche neue Verbindungen im Gehirn, wichtige werden gestärkt, inaktive oder unnötige werden wiederum abgebaut.
Gleichzeitig nimmt das Volumen von grauer und weißer Hirnsubstanz zu. Die graue Substanz ist etwa wichtig für die Verarbeitung und Speicherung von Informationen, die weiße Substanz ist hingegen für die Impulsweiterleitung zuständig. Sie leitet Signale zwischen den grauen Bereichen und sorgt für Verbindungen innerhalb und zwischen Hirnregionen. Die Faltung des Gehirns stabilisiert in dieser ersten Epoche ihre endgültige Form, wie schon frühere Studien belegten.
- 2. Epoche (Adoleszenz): Robuster gegen Störungen und Ausfälle
Der erste Wendepunkt um das neunte Lebensjahr fällt mit dem Beginn der Pubertät zusammen – einer Zeit bedeutender hormoneller und neurologischer Veränderungen. Die zweite Epoche dauert bis zum 32. Lebensjahr und deckt die gesamte Adoleszenz bis ins frühe Erwachsenenalter ab. Die weiße Hirnsubstanz wächst weiter, die Kommunikationsnetzwerke des Gehirns werden optimiert und verfeinert.
„Die Adoleszenz ist die einzige Phase des Lebens, in der die neuronale Effizienz zunimmt“, so Mousley. Durch eine parallele Verarbeitung wird das Gehirn in dieser Zeit robuster gegen Störungen und Ausfälle.
- 3. Epoche (mittleres Alter): Hochplateau von Intelligenz und Persönlichkeit
Diese Entwicklungen würden im Durchschnitt Anfang dreißig ihren Höhepunkt erreichen, dann erlebt das Gehirn seinen größten Wendepunkt der gesamten Lebensspanne. Das bedeutet: Mit 32 erreicht unser Gehirn in Bezug auf seine Ausbaustufe und Leistungen seinen Höhepunkt, bevor diese im weiteren Verlauf des Lebens wieder abnehmen.
Wieso genau mit 32? Mousley sagt: „Rein auf der Grundlage der neuronalen Architektur haben wir festgestellt, dass jugendliche Veränderungen in der Gehirnstruktur etwa Anfang dreißig enden.“ Nach diesem Wendepunkt beginnt die längste der fünf Epochen: das Erwachsenenalter. Es ist die längste stabile Phase, die rund drei Jahrzehnte hält. Die Gehirnarchitektur stabilisiert sich, sie entspreche einem „Hochplateau in Bezug auf Intelligenz und Persönlichkeit“.
- 4. Epoche (höheres Alter): Das frühe Altern beginnt
Mit rund 66 Jahren beginnt die vierte Epoche: Die weiße Substanz baut ab, Verbindungen werden schwächer, die Phase des „frühen Alterns“ beginnt. „In diesem Alter steigt das Risiko für eine Vielzahl von Gesundheitsproblemen, die das Gehirn beeinträchtigen können, wie beispielsweise Bluthochdruck“, so Mousley.
- 5. Epoche (hohes Alter): Hirnnetzwerk ist ausgedünnt
Die finale fünfte Epoche beginnt um das 83. Lebensjahr und reicht bis ins höchste Alter. Die Konnektivität des Gehirns nimmt weiter ab, bestimmte Regionen werden zunehmend stärker beansprucht. Das Hirnnetzwerk ist deutlich ausgedünnt. Störungen können nicht mehr so leicht ausgeglichen werden, wie noch zuvor. Die Forschenden weisen darauf hin, dass für diese Phase allerdings nur bedingt Daten vorliegen.
Diese Aufnahmen zeigt die Netzwerkstruktur im Gehirn in allen fünf Epochen. © Dr. Alexa Mousley/ University of Cambridge
„Viele neurologische, psychische und entwicklungsphysiologische Erkrankungen hängen mit der Verdrahtung des Gehirns zusammen.“ – Duncan Astle, Autor der Studie und Professor an der University of Cambridge
Die Studie sei die erste, die die wichtigsten Phasen der Verdrahtungen des Gehirns im Laufe des menschlichen Lebens identifiziert. Sie zeigt, dass die Gehirnentwicklung nicht kontinuierlich, sondern phasenhaft verläuft. Duncan Astle, Autor der Studie und Professor für Neuroinformatik von der University of Cambridge, sagt: „Rückblickend haben viele von uns das Gefühl, dass unser Leben von verschiedenen Phasen geprägt war. Jetzt zeigt sich, dass auch das Gehirn diese Lebensphasen durchläuft.“
Die Erkenntnisse würden auch erklären, warum unser Hirn in manchen Lebensphasen besonders anfällig für Störungen ist. Zwei Beispiele: Der Wendepunkt zu Beginn der Pubertät würde etwa mit einem besonders hohen Risiko für psychische Störungen einhergehen. Und: Ab dem Wendepunkt mit rund 66 Jahren reagiere das Gehirn sensibler auf Störungen wie Bluthochdruck. Dieser stehe im Zusammenhang mit kognitivem Verfall und beschleunigter Alterung des Gehirns und sei zudem ein Risikofaktor für Demenz.
„Viele neurologische, psychische und entwicklungsphysiologische Erkrankungen hängen mit der Verdrahtung des Gehirns zusammen“, so Astle. Aber auch unsere Aufmerksamkeit, Sprache, Gedächtnisleistung und weitere verschiedene Verhaltensweisen würden mit der Vernetzung im Hirn zusammenhängen.
Verwendete Quellen
- nature.com: Topological turning points across the human lifespan
- eurekalert.org: Scientists identify five ages of the human brain over a lifetime
- thelancet.com: The age of adolescence
- creativecommons.org: Licenses
- simplyscience.ch: Die Entwicklung deines Gehirns
- scinexx.de: Unsere Hirnstruktur verändert sich in fünf Phasen
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Studie zeigt: Gehirne von Menschen mit diesen Hobbys altern langsamer – GMX, 20.11.2025
Eine Studie hat untersucht, wie sich kreative Tätigkeiten auf unser Gehirn auswirken. Das Ergebnis: Bestimmte Hobbys können die Gehirnalterung messbar verlangsamen – besonders eine Gruppe profitiert davon.
Unser Gehirn altert, doch manche Aktivitäten können diesen Prozess verlangsamen. So etwa bestimmte Hobbys: Die Untersuchung einer internationalen Forschungsgruppe liefert Hinweise darauf, dass kreative Tätigkeiten weit mehr sind als nur Freizeitbeschäftigungen – sie scheinen das biologische Altern unseres Gehirns messbar zu verlangsamen. Die Studie wurde im Fachblatt „Nature Communications“ veröffentlicht.
Über die Studie
- Das Forschungsteam um den Neurowissenschaftler Agustin Ibanez von der Universität Adolfo Ibáñez in Chile untersuchte insgesamt 1.472 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 13 Ländern, darunter auch Deutschland.
- Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zwischen 17 und 91 Jahre alt. Ihre Gehirne wurden mit Elektroenzephalografie (EEG) und Magnetenzephalografie (MEG) untersucht.
Die Forschenden analysierten die Gesundheit des Gehirns mithilfe sogenannter „Brain Clocks“, die Abweichungen vom chronologischen Alter erfassen. Dabei wurden KI-Modelle trainiert, die das biologische Alter des Gehirns schätzten.
Gehirne von Kreativen bis zu sieben Jahre jünger
Die Forschenden konzentrierten sich auf vier verschiedene kreative Bereiche:
- Tango-Tanz
- Musik
- Bildende Kunst
- Videospiele
Das Ergebnis: Im Vergleich zu Personen ohne kreative Hobbys zeigten Menschen, die diese Aktivitäten ausübten, eine verzögerte Gehirnalterung. Der Effekt verstärkte sich, je länger die Person das kreative Hobby ausübte und je mehr Fachwissen sie darüber besaß.
Besonders profitieren davon laut dem „Deutschen Ärzteblatt“ professionelle Tänzerinnen und Tänzer: Ihre Gehirne seien im Durchschnitt sieben Jahre jünger als die von unkreativen Personen.
Bessere Motorik, gesteigerte Aufmerksamkeit
Kreative Aktivitäten würden laut Studie die Konnektivität in den Gehirnregionen verstärken – also die Vernetzung einzelner Hirnareale, die besonders anfällig für altersbedingte Veränderungen sind. Die Kreativen hatten beispielsweise ein besseres Rhythmusgefühl, eine bessere Motorik, eine gesteigerte Aufmerksamkeit und eine bessere Koordination.
„Dies ist die erste Studie dieser Art, die zeigt, dass Kreativität die Gesundheit des Gehirns auf messbare Weise schützen kann“, sagt die Mitautorin der Studie Lucia Melloni vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik. Die Ergebnisse würden zeigen, dass kreative Aktivitäten – vom Tango bis zu Strategiespielen – gemeinsame Mechanismen aufweisen, die effizientere Gehirnnetzwerke unterstützen. „Damit ist Kreativität ein wirkungsvolles, leicht zugängliches Instrument zur Förderung eines gesunden Alterns“, so Melloni.
Verwendete Quellen
- Nature: Creative experiences and brain clocks
- Ärzteblatt: Tanzen und andere kreative Tätigkeiten lassen Gehirne langsamer altern
- Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik: Creative minds, younger brains: New study shows creative experiences delay brain aging
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ANTHROPOLOGIE
Evolution
Weshalb der Mensch so erfolgreich ist – und dennoch zu scheitern droht
Von
Gut acht Milliarden Menschen leben heute auf der Erde, womöglich mehr Exemplare als von jeder anderen Säugetierart. Doch was verhalf dem Homo sapiens zum Durchbruch – der aufrechte Gang, das mächtige Gehirn, die Erfindung von Werkzeugen, Sprache und Kultur? Forschende vermuten, das Geheimnis liege ganz woanders. Und der Schlüssel zum Erfolg könnte gleichzeitig die Erklärung dafür sein, weshalb der Mensch den ganzen Planeten in Gefahr bringt.
Wohl kein Lebewesen hat unseren Planeten in den letzten Jahrtausenden so sehr verändert wie der Mensch. Vor allem hat keine Art derart viele künstliche Substanzen erzeugt, die Erde mit Maschinen umgepflügt, ganze Städte aus Stein, Glas und Beton erbaut, Ökosysteme aus dem Gleichgewicht gebracht und in so großer Geschwindigkeit andere Arten ausgerottet.
Manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben deshalb vorgeschlagen, von einem neuen Zeitalter zu sprechen: dem Anthropozän. Das Wort wurde zwar kürzlich von Fachleuten als Begriff für eine offizielle geologische Epoche abgelehnt, doch ist man sich einig, dass der Mensch inzwischen zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf der Erde geworden ist.
Wie aber konnte dieses Wesen, dessen Körperbau bis auf die zweibeinige Fortbewegung keineswegs außergewöhnlich für ein Säugetier wirkt, eine so gravierende Wirkung entfalten und zum „Global Player“ auf diesem Planeten werden? Welche Merkmale und Eigenschaften sind es, die dem Menschen von der Evolution mitgegeben wurden und ihn zu etwas ganz Besonderem, ja Einzigartigen machen?
Weshalb Charles Darwin falsch lag
Die Suche nach einer Antwort führt zunächst tief zurück in unsere Vergangenheit – an jenen Punkt, an dem sich die Entwicklungslinien von Menschen und Schimpansen trennen. Auf Charles Darwin, den Begründer der Evolutionstheorie, gehen schon im 19. Jahrhundert Vorstellungen zurück, die heute als „Savannen-Hypothese“ bekannt sind. In jener Anfangszeit seien Affen von den Bäumen herabgestiegen und hätten in der Savanne den aufrechten Gang entwickelt – um besser über das hohe Gras blicken zu können. Weil dank der Fortbewegung auf zwei Beinen die Hände frei wurden, um etwa Werkzeuge herzustellen, habe sich das Gehirn vergrößert und aus den Affen seien Menschen geworden.
Doch im Verlauf des 20. Jahrhunderts werden immer mehr Fossilien gefunden, welche die Savannen-Hypothese widerlegen; die berühmte „Lucy“ etwa. Durch sie wird klar: Der aufrechte Gang entwickelte sich viel früher als das große Gehirn. Über viele Jahrmillionen leben als „Vormenschen“ oder „Affenmenschen“ bezeichnete Wesen in Afrika, deren Denkorgane kaum größer als die von Schimpansen sind: Menschenaffen also, die aufrecht laufen. Die zweibeinige Fortbewegung kann nicht der Schlüssel zum Erfolg des Menschen sein.
Ebenso wenig erklärt ihn die planmäßige Herstellung von Steinwerkzeugen, die ab einer Zeit vor rund 2,6 Millionen Jahren beginnt. Denn heute wissen wir, dass auch zahlreiche andere Tiere – etwa Schimpansen, Krähen oder Delfine – Werkzeuge benutzen, ja sogar herstellen.
Einst standen unsere Vorfahren kurz vor dem Aussterben
Immerhin nimmt das Gehirnvolumen bei den Menschenvorfahren vor rund zwei Millionen Jahren deutlich zu, sodass Forschende der Paläoanthropologie in dieser Epoche die Geburtsstunde der Gattung Homo – also des Menschen – verorten. Doch kann man nicht gerade davon sprechen, dass die ersten Menschen besonders erfolgreich sind: Ihre Anzahl, das lassen die wenigen von ihnen gefundenen fossilen Überbleibsel vermuten, war nicht besonders groß.
Schlimmer noch: Vor knapp einer Million Jahren steht die Menschheit offenbar kurz vor dem Aussterben. In dieser Zeit, so besagen die im September 2023 in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlichten Daten eines internationalen Teams, schrumpft die Zahl unserer direkten Vorfahren dramatisch auf weniger als 1.300 Individuen. Die Forschenden hatten die Erbsubstanz von 3.154 gegenwärtig lebenden Menschen analysiert und mit einem komplexen Verfahren aus der Häufigkeit von genetischen Varianten in der heutigen Bevölkerung auf die Zahl der damaligen Menschen geschlossen.
Mehr als 100.000 Jahre lang – von vor 930.000 bis 813.000 Jahren vor der Gegenwart – dauert der Studie zufolge der Engpass, in der nur sehr wenige Vorfahren leben. Um ein Haar also sei die Menschheit damals von der Erde verschwunden, sagen die Autoren. Mit der Hypothese in Einklang stehe, dass es vor rund 900.000 Jahren zu einer weltweiten starken Abkühlung kommt und es eine Lücke bei den Fossilfunden gibt.
Die Anzahl der Menschen bleibt auch danach relativ gering. Zwar breiten sich verschiedene Menschenformen immer weiter aus: Homo heidelbergensis und der Neandertaler etwa in Europa, Homo erectus und Denisova-Menschen in Asien.
Und vor 300.000 Jahren entwickelt sich in Afrika Homo sapiens – der heutige Mensch. Er macht sich vor weniger als 100.000 Jahren auf den Weg in die Welt hinaus und besiedelt nicht nur Asien und Europa, sondern auch die bislang menschenleeren Kontinente Australien und Amerika. Doch die weltweite Bevölkerung ist im Vergleich zur heutigen Menschheit noch immer überschaubar. Vor 10.000 Jahren, so ergeben Schätzungen, leben auf der Erde lediglich fünf bis zehn Millionen Menschen.
Sprachzentren im Gehirn entstehen schon vor zwei Millionen Jahren
All die biologischen Eigenschaften, die zum Erfolg des Homo sapiens beigetragen haben, müssen schon vorher angelegt worden sein; sie hätten sich nicht erst in den letzten 10.000 Jahren ausprägen können. Und die Liste der Besonderheiten, die uns auszeichnen, ist lang: So verfügt allein der Mensch über eine komplexe Sprache mit festen Regeln.
Bereits vor zwei Millionen Jahre beginnen sich die heute als Broca- und Wernicke-Areale bezeichneten Sprachzentren herauszubilden, zeigen Abgüsse von Gehirnen früher Menschen. Forschende der Max-Planck-Gesellschaft nehmen an, dass bereits vor 500.000 Jahren die gemeinsamen Vorfahren von Neandertalern und modernen Menschen sprachen und dass beide Spezies, auch nachdem sich ihre Linien getrennt hatten, ähnliche intellektuelle und kulturelle Fähigkeiten besaßen.
Das große Gehirn befähigt den Menschen auch, sich eine Zukunft vorzustellen und zu planen. Das wiederum dürfte zu einer Besonderheit führen, die bislang von keinem Tier bekannt ist: sich selbst – auch in jungen Jahren und körperlich gesund – bewusst zu sein, dass das eigene Leben vergänglich und der Tod am Ende unausweichlich ist. Vermutlich ist diese Erkenntnis der Grund für eine weitere Einzigartigkeit des Menschen: Der Glaube an eine Existenz nach dem körperlichen Tod, an ein Jenseits und einen Schöpfer.
Kunstwerke, Musik, Feste feiern – vieles am Homo sapiens ist außergewöhnlich
Angehörige der Art Homo sapiens zeigen noch viele andere Eigenschaften, die bei Tieren bislang nicht dokumentiert sind: Sie erschaffen systematisch Kunstwerke, spielen Instrumente und komponieren Musik, erzählen sich Geschichten, feiern Feste und entwickeln ständig neue Technologien. Die menschliche Kreativität scheint keine Grenzen zu kennen. Doch woher kommt das alles?
Ein Schlüssel zum Erfolg des Menschen liegt sicher im sozialen Bereich, in der Art und Weise, wie Menschen zusammenleben. Schon die Art der Bindung zwischen weiblichen und männlichen Individuen ist beim Homo sapiens ungewöhnlich und unterscheidet sich von ihren nächsten Verwandten, den Schimpansen und Bonobos.
Bei diesen Menschenaffen kümmern sich die Männchen wenig um den Nachwuchs, es gibt keine dauerhaften Bindungen zwischen einem Weibchen und einem Männchen und das Sexualverhalten ist promiskuitiv, das heißt die Paarkonstellationen wechseln ständig.
Schimpansen-Väter haben kaum Interesse am Nachwuchs
Beim Menschen dagegen gibt es starke, dauerhafte Bindungen zwischen Paaren – die Liebe. Das bedeutet weder, dass Mann-Frau-Beziehungen ein Leben lang halten müssen (tatsächlich sind sie oft nur auf ein paar Jahre begrenzt), noch dass sie die einzige Bindungsform sind.
Aus biologischer Sicht auffällig ist jedoch, dass sich die Väter bei den Menschen sehr viel mehr mit der Aufzucht und Versorgung ihrer Nachkommen beschäftigen als Bonobos und Schimpansen es tun.
Das aber erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit der eigenen Kinder und damit den evolutionären Erfolg. Der Preis für dieses wahrscheinlich vor zwei bis drei Millionen Jahren entstandene Bindungsmodell ist die Eifersucht, von der beide Geschlechter betroffen sind. Denn die Väter müssen sicher sein, dass sie ihre eigenen Kinder aufziehen und Mütter wollen vermeiden, dass ihr Partner sie im Stich lässt.
Paare allerdings leben beim Menschen – im Gegensatz zu den meisten anderen Säugetieren – nicht allein, sondern sind Teil einer Familie mit mehreren Mitgliedern oder gehören sogar einer größeren Gruppe an. Das Leben in der Gruppe, da sind sich viele Forschende sicher, fördert die soziale Intelligenz. Die Gemeinschaft bietet Vorteile, weil man gemeinsam Nahrung suchen kann, Gefahren früher entdeckt oder sich gegen Feinde zu verteidigen vermag.
Doch es gibt auch Konkurrenz, etwa um Futter, den sozialen Rang oder Partner. Da ist es gut, wenn man Bündnisse schmieden und erkennen kann, was andere Gruppen-Mitglieder denken und vielleicht vorhaben. Diese Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ist als „Theory of Mind“ bekannt und kommt außer beim Menschen wohl nur bei Menschenaffen und Rabenvögeln, vielleicht auch bei Hunden vor.
Das Leben in der Gruppe fördert die Intelligenz
All diese Aufgaben in einer komplexen Gemeinschaft erfordern ein leistungsfähiges Gehirn und so ist es für Biologinnen und Biologen nicht überraschend, dass Affen – die zumeist in komplexen Gruppen leben – besonders große Denkorgane entwickelt haben. Der Mensch gehört ebenfalls dazu und seine soziale Intelligenz ist sicher besonders hoch – aber etwas Einzigartiges ist sie nicht.
Vielleicht ist es die Art und Weise wie wir lernen, wie wir in der Gruppe die sozialen Bindungen stärken und dabei auch soziokulturelle Erfahrungen integrieren, die uns zu etwas Außergewöhnlichem machen. Das ist zumindest die Theorie des amerikanischen Psychologen und Anthropologen Michael Tomasello, der viele Jahre am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig gearbeitet hat.
Tomasello hat in Studien herausgefunden, dass Menschenaffen und Kleinkinder zwar beide durch Nachahmen lernen, aber unterschiedlich: Affen waren nur am Ergebnis einer Handlung interessiert und ließen Schritte weg, die ihnen unnötig erschienen. Die Kinder dagegen verfolgten die gesamte Handlung sehr aufmerksam und prägten sich jeden einzelnen Schritt ein. Dieses Imitationslernen habe auch den Zweck, durch exakte Nachahmung Konformität mit der Gruppe zu signalisieren und soziale Bindungen zu stärken.
Schon menschliche Kleinkinder kennen ein „wir“
Ein weiterer Unterschied: Schimpansen etwa geht es bei der sozialen Kommunikation und Kooperation vor allem darum, eigene Interessen durchzusetzen, während Kleinkinder schon sehr früh versuchen, anderen zu helfen und ihnen für sie interessante Dinge mitzuteilen.
Bei ihnen wird aus dem „ich“ und „du“ ein gemeinsames „wir“ – für Tomasello ein entscheidender Schritt. Denn so entsteht bei den Menschen ein gegenseitiges Verständnis, ein gemeinsamer Hintergrund, und das ermöglicht es ihnen, ihre Aufmerksamkeit auf ein gemeinsames Ziel zu richten.
Auch der britische Evolutionsbiologe Kevin Laland sieht in der besonders ausgeprägten Fähigkeit des Menschen, Kultur und Wissen weiterzugeben, den größten Unterschied zum Tier. Einzigartig sei dessen Gabe, Kenntnisse von anderen zu erwerben, zu verbreiten und so einen Wissensschatz aufzubauen, der sich über die Generationen immer weiter vergrößert.
Menschen können sich komplexe Zukunftsszenarien vorstellen
Zwei weitere Merkmale, die es nur beim Homo sapiens gebe, betont der deutschstämmige Psychologe Thomas Suddendorf, der an der australischen University of Queensland forscht. Nur Menschen seien in der Lage, sogenannte verschachtelte Szenarien zu entwerfen – sich also Alternativen für Situationen auszumalen, sie durchzuspielen und zu bedenken, welche Folgen sie haben.
Das ermögliche ihnen, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen, vorauszuplanen und sich dabei verschiedene Entwicklungen vorzustellen. Oder sich sogar gänzlich fiktive Geschichten auszudenken. Als zweites Merkmal wertet Suddendorf das menschliche Bedürfnis, die eigenen Gedanken mit anderen auszutauschen – die Voraussetzung dafür, dass man gemeinsam etwas Neues schaffen kann.
Noch etwas gibt es, das die sozialen Beziehungen des Homo sapiens ungewöhnlich macht und von ihren nächsten Verwandten unterscheidet. Schimpansen kooperieren nur innerhalb einer relativ kleinen Gruppe von verwandten Tieren, die sich also miteinander fortpflanzen und gemeinsame Gene besitzen.
Das bedeutet: Konflikte werden bei den Affen zwischen lokalen Gruppen ausgetragen, deren Territorien aneinander grenzen. Tiere der einen Gemeinschaft können sogar Jagd auf Artgenossen der benachbarten Gemeinschaft machen und sie töten. Davon hat die berühmte Schimpansen-Forscherin Jane Goodall erstmals in den 1970er-Jahren berichtet. Doch etwas können diese Affen nicht: Frieden schließen. Denn freundschaftliche Verbindungen zwischen Gruppen gibt es bei ihnen nicht.
Anders ist es bei den Menschen: Sie pflegen friedliche Kontakte zu Menschen anderer Gruppen, mit denen sie nicht verwandt sind. Ja, solche Beziehungen können sogar zu völlig Fremden entstehen. Auf diese Weise gelingt es den Menschen, mit anderen auf komplexe Weise zusammenzuarbeiten, wobei beide Seiten ihren Vorteil haben. Es ist die Grundlage, auf der auch heute noch Handelsbeziehungen beruhen.
Konkurrenz ist die Kehrseite der Zusammenarbeit
„Hyperprosozialität“ nennt der Anthropologe Curtis W. Marean von der Arizona State University diese Art der Kooperation – die so weit geht, dass wir fremden Menschen in Not helfen, selbst wenn wir uns dabei selbst gefährden. Sie sei der Schlüssel zur heutigen Vorrangstellung des Homo sapiens, glaubt Marean. Denn durch die komplexe Zusammenarbeit entsteht eine viel größere, mächtige Gruppe, die gemeinsame Ziele und Interessen verfolgen kann. Diese herausragende Fähigkeit habe jedoch eine dramatische Kehrseite: Denn die kooperierenden Menschen hätten eine Neigung dazu, unerbittlich gegen Konkurrenten vorzugehen.
Demnach ist es also eine explosive Mischung aus Kooperation und Konkurrenz, die den modernen Menschen so erfolgreich macht. Curtis Marean vermutet, dass sie angeboren und erst beim Homo sapiens vorhanden ist. Der Anthropologe erklärt damit, weshalb sich der heutige Mensch so schnell über die Erde ausbreiten kann und dabei ältere Menschenformen – etwa die Neandertaler und die Denisova-Menschen – verdrängt, die noch in kleineren, nicht so intensiv kooperierenden Gruppen leben.
Auch die Erfindung neuer, fern wirkender Waffen – etwa der Speerschleuder, später Pfeil und Bogen – helfen diesem Szenario zufolge bei der Eroberung der Erde. Und sicher ist es kein Zufall, dass kurz nach dem Erscheinen des Homo sapiens in Australien und Amerika die dortigen großen Tiere (Megafauna) verschwinden; offenbar von Menschen gejagt und ausgerottet.
Um es zusammenzufassen: Der aufrechte Gang, das große Gehirn, die Werkzeugherstellung, die besondere Mann-Frau-Beziehung und das Zusammenleben in der Gruppe waren sicher wichtige Voraussetzungen für die erstaunliche Karriere des Homo sapiens, aber sie allein können das Phänomen nicht erklären.
Weitere Besonderheiten müssen hinzu kommen: Neue Formen, wie Kinder Wissen erwerben (lernen), der intensive Austausch von Informationen mit anderen Menschen, die Fähigkeit, sich in komplexen Szenarien die Zukunft vorzustellen und die Neigung, sich zu vernetzen, also mit größeren, auch nichtverwandten Gruppen zu kooperieren.
Ist der Homo sapiens ein Puzzle aus vielen Neuerungen?
Jede dieser Entwicklungen ist ein weiteres Puzzleteil, doch welches das Wichtigste ist, lässt sich kaum entscheiden. Vielleicht ist es ähnlich wie mit der Entwicklung des Smartphones, dessen heute übliche Version im Jahr 2007 von Apple als „iPhone 1“ der Öffentlichkeit präsentiert wurde: Ein mobiler Minicomputer, ausgestattet mit Akku, Kamera, Touchscreen, drahtloser Telefonfunktion und mobiler Datenübertragung, einem speziellem Betriebssystem und kleinen, installierbaren Programmen, den Apps.
Keine seiner Hardware-Komponenten ist etwas komplett Neues, Einmaliges. Stattdessen wurden vorhandene Komponenten weiterentwickelt, miniaturisiert, angepasst und mit einem neuen Betriebssystem in ein Gerät integriert.
Und doch ist das Resultat etwas noch nie Dagewesenes. Etwas, das die Welt der Menschen in weniger als zwei Jahrzehnten enorm verändert und sich überall auf unserem Planeten durchsetzt. Eine technische Neuerung, die unser heutiges Leben dank seiner Vielfalt an Möglichkeiten prägt: Von unterwegs aus telefonieren, fotografieren, mit anderen Menschen über Apps, SMS oder e-Mail kommunizieren, Filme anschauen, bargeldlos zahlen, Tickets kaufen und vieles mehr. Das alles vereint in einem Gerät, das in jede Hosentasche passt.
Eine Steinzeit-Revolution bringt die Entwicklung in Schwung
Entwicklungen wie das Smartphone sind der momentane Endpunkt eines gewaltigen Berges von Kultur, Technik und Wissen, den die Menschheit dank ihrer besonderen Fähigkeit zu Weitergabe von Informationen an andere Menschen und an folgende Generationen anhäuft.
Schon 11.000 Jahre zuvor bringt die kulturelle Entwicklung den Homo sapiens an eine Schwelle, die alles ändert: Mit dem Übergang vom Dasein als Jäger und Sammler zur sesshaften Lebensweise als Ackerbauer und Viehzüchter – der neolithischen Revolution.
Dank ihrer Fähigkeit, so unvergleichlich mit anderen zu kooperieren, schließen sich die Menschen zu immer größeren Gemeinschaften zusammen, bauen Pflanzen an, züchten Nutzvieh, errichten Häuser und Dörfer, schließlich Städte, und sie treiben Handel. Immer komplexer wird die Gesellschaft, immer wichtiger wird die Fähigkeit in freundlicher Verbundenheit zu kooperieren – aber sich manchmal auch zusammenzuschließen, um gegen Feinde zu kämpfen.
Es folgen im 18./19. Jahrhundert die industrielle, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die digitale Revolution; gleichzeitig wächst die Zahl der Menschen immer schneller – auf heute mehr als acht Milliarden. Es wirkt als sei eine Art Karussell in Gang gekommen, das sich immer mehr beschleunigt.
Die Schattenseite des Erfolgs
So überlegen den Homo sapiens seine Fähigkeit macht, in freundschaftlicher Verbundenheit zu kooperieren, so nachteilig wirkt sich seine Neigung zu rücksichtloser Konkurrenz aus: Wenn er sich etwa gegen fremde, feindlich gesinnte Gruppen verbündet, um sie zu bekämpfen und Kriege zu führen.
Oder auch, wenn es darum geht, wer die Natur ausbeuten darf und welche Schäden eine Übernutzung zur Folge hat. Das einstige Erfolgsrezept droht dem vermeintlichen Sieger der Evolution zum Verhängnis zu werden.
Im Grunde steht die heutige Menschheit vor einem sogenannten „Allmende-Problem“. Im Mittelalter gab es in vielen Dörfern Gemeinschaftswiesen, Allmenden, auf denen jeder sein Vieh grasen lassen durfte. Wenn alle Hirten die Weide gleichmäßig und zurückhaltend nutzen, profitieren alle. Lassen Einzelne jedoch ihre Tiere vermehrt grasen, haben sie zunächst einen Vorteil. Doch der kehrt sich zu einem Nachteil für alle um, wenn das Weideland durch Übernutzung dauerhaft geschädigt ist.
Heute handelt es sich allerdings um ein globales Allmende-Problem. Der gesamte Planet droht durch Übernutzung Schaden zu nehmen, das Klima gerät aus dem Gleichgewicht und Arten verschwinden für immer.
Lösbar ist das Problem nur, wenn die Menschheit es schafft, ihre Neigung zur erbarmungslosen Konkurrenz zu überwinden – und ihre größte Stärke auszuspielen: die Fähigkeit zu einer freundschaftlichen, konstruktiven Zusammenarbeit mit allen anderen Menschengruppen, mögen sie noch so fremd erscheinen. Denn dieses Talent ist das eigentliche Erfolgsgeheimnis des Homo sapiens.
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Verwendete Quellen
- welt.de: Affen erfanden Werkzeuge lange vor den Menschen
- science.org: Genomic inference of a severe human bottleneck during the Early to Middle Pleistocene transition
- mpg.de: Konnten Neandertaler sprechen?
- eva.mpg.de: Ehemalige Abteilung für vergleichende und Entwicklungspsychologie
- psychology.uq.edu.au: Professor Thomas Suddendorf
- spektrum.de: Der Siegeszug des Homo sapiens
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Evolution des Menschen: Was unsere Zähne über unser Gehirn aussagen – Henning Engeln (RiffReporter), Riff Reporter via GMX, 3.2.2025
Zum Autor: Henning Engeln (RiffReporter)
Mit einer Hightech-Analyse an fossilen Zähnen gelang es Forschenden, die Kindheit eines Urmenschen vor 1,77 Millionen Jahren zu rekonstruieren. Das erlaubt verblüffende Erkenntnisse über die sozialen Strukturen und die Weitergabe von Erfahrungen der damaligen Homo-Spezies. Und über die Entwicklung des Gehirns.
Kein Zweifel: Das große Gehirn ist ein charakteristisches Merkmal von uns Menschen und sicher ein Schlüssel zu unserem evolutionären Erfolg. Eine weitere Eigenschaft ist, dass wir als völlig hilflose Babys geboren werden und eine ungewöhnlich lange Kindheit durchleben.
Der Vorteil unseres riesigen Denkorgans liegt auf der Hand: Menschen können zum Beispiel komplexe Informationen austauschen, in die Zukunft planen, dank ihrer Intelligenz die Umwelt gestalten und Technologien entwickeln.
Die Geburt der hilflosen Menschenbabys wurde bislang oft als eine Art Preis für das mächtige Gehirn angesehen: Weil dieses Organ und somit der Kopf bei einem entwickelten Kind zu groß wären, um durch das Becken einer gebärenden Frau zu passen, mussten die Babys – so die These – in unreifem Zustand auf die Welt kommen, denn in dem frühen Stadium hat das Gehirn noch nicht so viel Volumen. Das sich vergrößernde Gehirn wäre demnach der Grund für die verlängerte Kindheit gewesen. Doch möglicherweise war alles ganz anders.
Zu diesem Schluss kommt jedenfalls ein internationales Team, das eine raffinierte Untersuchung an einem 1,77 Millionen Jahre alten Urmenschen-Schädel aus dem heutigen Georgien vornahm. Das Fossil war in der Ruinenstadt Dmanisi ausgegraben und im Jahr 2002 in der Wissenschaftszeitschrift „Science“ erstmals beschrieben worden.
Es handelt sich um den sehr gut erhaltenen Schädel einer frühen Homo-Spezies, in dem fast alle Zähne vorhanden sind. Und auf diese hatten die Forschenden es abgesehen. Denn Zähne sind so etwas wie Zeitkapseln, aus denen die Lebensgeschichte eines Individuums – und eben auch dessen Kindheit – herausgelesen werden kann. Mit einer neuen Hightech-Methode sollte dies nun geschehen, ohne die Zähne aus dem Schädel herauszulösen und ohne sie zu beschädigen.
Zähne speichern die Lebensgeschichte eines Menschen
Das Team verwendete die extrem leistungsstarken Röntgenstrahlen der Europäischen Synchrotonstrahlungsanlage ESRF (European Synchroton Radiation Facility) im französischen Grenoble, um die versteinerten Zähne in mehreren Serien von Experimenten zu durchleuchten. Mithilfe einer speziellen Software und ähnlich wie bei einer CT-Aufnahme erhielten die Forschenden virtuelle mikroskopische Schnitte durch die Zähne, in denen sich die Wachstumsphasen jenes frühen Menschen von seiner Geburt bis zum Tod mit etwa elf Jahren in höchster Genauigkeit erkennen lassen.
„Kindheit und geistige Fähigkeiten versteinern nicht. Deshalb mussten wir auf indirekte Informationen zurückgreifen“, erklärt Christoph Zollikofer von der Universität Zürich in einer Pressemitteilung des US-amerikanischen Dienstes „EurekAlert“ die Motivation des Teams. Zähne seien ideal dafür, weil sie tägliche Ringe produzierten – ähnlich wie die Jahresringe von Bäumen – und nach dem Tod hervorragend versteinern, betont Zollikofer, Erstautor der in der Zeitschrift „Nature“ publizierten neuen Studie.
Zähne von Erwachsenen eignen sich als Informationsquellen für die Kindheit, weil sie bereits beim Ungeborenen im Mutterleib angelegt werden. Zwar werden Babys ohne Kauwerkzeuge geboren und dann erscheinen zunächst die Milchzähne, doch sitzen darunter im Kiefer bereits die Anlagen der späteren permanenten Zähne. Diese wachsen langsam und brechen schließlich durch, wenn die Milchzähne ausfallen. Und weil sie während ihres Wachstums ständig neue mineralische Schichten ablagern, speichern sie eine Chronologie der Entwicklung des Individuums.
Den Forschenden der Universität Zürich, des ESRF und des georgischen Nationalmuseums gelang es nun anhand der Zahn-Wachstumsringe die Entwicklung jenes Urmenschen rekonstruieren: „Die Ergebnisse zeigen, dass das Individuum im Alter von elf bis zwölf Jahren starb“, sagt Co-Autor Vincent Beyrand. „Und die Weisheitszähne waren bereits durchgebrochen, so wie es auch bei den großen Menschenaffen der Fall ist.“
Was der Zahnwechsel über die Länge der Kindheit verrät
Jener Elfjährige war seinem Zahnschema nach also bereits erwachsen und ähnelte in diesem Merkmal noch den Menschenaffen. Anders war es jedoch mit dem Wechsel der Milchzähne. Hier ähnelte das Muster der Urmenschen aus Georgien mehr dem heutiger Menschen. „Das zeigt, dass die Milchzähne länger benutzt wurden als bei den Menschenaffen und dass die Kinder dieser frühen Homo-Spezies auf eine längere Unterstützung durch Erwachsene angewiesen waren“, äußert sich Marcia Ponce de León, Team-Kollegin von Zollikofer an der Universität Zürich, in der Pressemitteilung. „Es könnte das erste evolutionäre Experiment einer verlängerten Kindheit gewesen sein.“
Verblüffend allerdings ist: Jene Urmenschen, die vor 1,77 Millionen Jahren im Gebiet des heutigen Georgiens lebten, besaßen noch recht bescheidene Gehirne, die jene der Menschenaffen und der Australopithecinen – bereits aufrecht gehenden Vormenschen – nur wenig an Größe übertrafen. Somit kann die These „Erst wurde das Gehirn größer und deshalb die Kindheit länger“ offenbar nicht stimmen.
Erfahrungen wurden von Eltern und Großeltern an Nachkommen weitergegeben
Vielleicht war es also genau umgekehrt, so die neue These des Teams: Die verlangsamte Reifung und die dadurch verlängerte Kindheit könnten den Austausch kultureller Erfahrungen und ihre Weitergabe von einer Generation zur nächsten gefördert sowie komplexere Verhaltensweisen hervorgebracht haben. Weil all dies mit einem leistungsfähigen Denkorgan besser funktionierte, könnte sich daraufhin das Gehirn vergrößert haben.
Ein weiterer Aspekt dieses Szenarios: Weil es immer wichtiger wurde, wertvolle Erfahrungen von den Älteren an die Jüngeren weiterzugeben, nahm die Lebensspanne weiter zu, ebenso wie die lange Kindheit. Und schließlich beteiligte sich selbst die Generation der Großeltern – insbesondere der Großmütter – daran, Kinder und Enkel zu unterstützen und ihnen Wissen zu vermitteln.
Dafür, dass das ausgeprägte Sozialverhalten früher vorhanden war als das riesige Gehirn, spricht ein weiteres Fossil aus Georgien, das ebenfalls an jener Fundstelle in Dmanisi geborgen wurde: der Schädel eines alten, zahnlosen Mannes. „Die Tatsache, dass ein so altes Individuum mehrere Jahre lang ohne einen einzigen Zahn überlebt hat, belegt, dass der Rest der Gruppe sich gut um ihn gekümmert hat“, sagt der ebenfalls an der Studie beteiligte David Lordkipanidze vom georgischen Nationalmuseum.
Die älteren Individuen hätten die meisten Erfahrungen und die wichtige Aufgabe gehabt, ihr Wissen an die Jüngeren weiterzugeben, betont der Paläoanthropologe aus Georgien. Die Drei-Generationen-Struktur sei ein grundlegender Aspekt für die Vermittlung von Kultur in der Menschheit. Und sie war wohl auch ein Motor für die Expansion des Gehirns.
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Verwendete Quellen
- science.org: A New Skull of Early Homo from Dmanisi, Georgia
- sbfi.admin.ch: Europäische Synchrotronstrahlungsanlage ESRF, Grenoble
- eurekalert.org: The secrets of fossil teeth revealed by the synchrotron: A long childhood is the prelude to the evolution of a large brain
- nature.com: Dental evidence for extended growth in early Homo from Dmanisi
- YouTube-Video von John Hawks
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SOZIALPSYCHOLOGIE – SOZIOLOGIE
Lavendelehe: Warum eine uralte Form der Partnerschaft neuen Aufschwung erlebt – GMX, 29.11.2025
Lebensentwürfe sind vielfältig. Eine Form der Partnerschaft ist die Lavendelehe, die schon auf Social Media viral gegangen ist. Wobei sie gar nicht neu ist, sondern bereits vor 100 Jahren populär war – damals jedoch aus anderen Gründen als heute. (Hinweis: Diese zuletzt im März 2025 veröffentlichte Galerie wurde aktualisiert.)
Auf TikTok und anderen Social-Media-Plattformen machte ein Trend namens Lavendelehe die Runde. Sogenannte Lavendelehen wurden schon in den 1920er-Jahren zwischen Hetero- und Homosexuellen geschlossen, die sich auf diese Weise an gesellschaftliche Erwartungen anpassen wollten. Das Revival der Lavendelehe hat jedoch andere Hintergründe.
Bevor wir die moderne Lavendelehe näher erklären, gehen wir noch etwas genauer auf ihren Ursprung ein: Der Begriff „Lavendelehe“ entstand in einer Zeit, in der Homosexualität gesellschaftlich tabuisiert war. Lavendel wurde als Symbol für Homosexualität verwendet und eine Lavendelehe bot vielen LGBTQ+-Personen Schutz und gesellschaftliche Akzeptanz.
Heutzutage haben viele junge Menschen zunehmend genug vom Dating. Die unbegrenzten Möglichkeiten der Online-Welt führen zwar immer mal wieder zu einem Match, können aber auch Zeit fressen und frustrieren. Dating komplett offline scheint aber auch wenig zielführend zu sein. Wie wäre es also damit, die Suche nach einem Lebenspartner von dem Anspruch der Liebe zu entkoppeln?
Das hat nicht nur den Vorteil, dass etwas Druck aus dem Dating-Prozess herausgenommen wird. In Zeiten von inflationären Preisen und hohen Mieten ist es auch aus finanzieller Sicht ein klarer Vorzug, nicht alleine zu wohnen. Warum sollte man sich die Wohnung und laufende Kosten also nur mit jemanden teilen, den man zugleich auch liebt? Die neue Lavendelehe ist also eine praktische Zweckgemeinschaft.
Unter dem Hashtag #lavendermarriage finden sich zahlreiche Videos, in denen Singles nach Lebenspartnern suchen, die Kosten und Wohnraum mit ihnen teilen. Freundschaft erwünscht, eine feste Liebesbeziehung jedoch nicht. Der TikToker Robbie Scott etwa suchte nach einer Partnerin, die am Ende des Monats die Hälfte aller Kosten übernimmt – ansonsten kann sie tun und lassen, was sie will.
Der Hintergrund: Die Generation Z macht sich Sorgen um die Zukunft und die immer weiter steigenden Preise. Sie ist zugleich nicht bereit, ihre psychische und körperliche Gesundheit hinter den beruflichen Erfolg anzustellen. Eine Lavendelehe kann hier einiges vereinfachen.
Eine Lebensgemeinschaft, in der man sich Miet- und Nebenkosten teilt, senkt die Lebenshaltungskosten deutlich. Man kann sich aber auch Aufgaben wie Kochen, Putzen oder Einkaufen teilen und profitiert zudem mental von der Gemeinschaft, in der man lebt. Eine Lavendelehe hat also viele Vorteile, die nicht nur finanzieller Art sind.
Die Lavendelehe ist auch Ausdruck des Wunsches, mit traditionellen Beziehungsformen zu brechen. Liebe, Sex, Kindererziehung, gemeinsame Interessen, Beruf – all das unter einen Hut und unter ein Dach zu bringen, scheint für viele junge Menschen nicht mehr realistisch zu sein.
Es muss also nicht ein und derselbe Partner sein, mit dem man Sex hat, die Wohnung und Interessen teilt, Kinder großzieht und für den man Liebe empfindet. In einer Lavendelehe geht man zwar gewisse Verpflichtungen ein und teilt Verantwortung, bleibt aber zugleich frei und unabhängig. Aber muss man seinen Lavendelpartner auch wirklich heiraten?
Ob die Partnerschaftsform #lavendermarriage dazu führt, dass sich tatsächlich viele platonische Freunde das Jawort geben, bleibt dahingestellt. Aber auch ohne offiziellen Trauschein treffen viele junge Menschen eine bewusste Entscheidung für alternative Beziehungs- und Lebensformen. Dabei handelt die Generation Z ganz und gar nicht unbedacht, sondern sicherheitsorientiert und pragmatisch.
Gerade in Großstädten, wo die Mieten für Alleinstehende kaum mehr bezahlbar sind, könnten solche zweckorientierten Lebensgemeinschaften immer interessanter werden. Während bei WGs hauptsächlich das gemeinsame Wohnen im Fokus steht, spielt die (platonische) Beziehung bei Lavendelehen eine größere Rolle.
Die Lavendelehe hat also durchaus einen ernsten Hintergrund, der viel über unsere Gesellschaft und die Bedürfnisse der Generation Z aussagt. Beziehungen und Lebensgemeinschaften sind so vielfältig wie wir Menschen – und müssen deshalb immer wieder angepasst werden. Die Lavendelehe ist eine von vielen Optionen.
MENSCHEN
Eine New Yorker Legende – Woody Allen wird 90 – dpa via GMX, 30.11.2025
Über sechs Jahrzehnte hinweg schreibt und dreht Woody Allen fast jedes Jahr einen Spielfilm. Mit 89 Jahren verfasst er seinen ersten Roman. Nun wird das Multitalent 90 – gibt es noch einen Film?
Los Angeles/New York – Wenn Woody Allen in Interviews über ein ernstes Thema wie den Tod spricht, gibt er oft eine witzige Antwort. Als der New Yorker Regisseur kürzlich im Podcast des US-Moderators Bill Maher über das Ende des Universums sinnierte, sagte Allen, er werde lange vor dem Universum auseinanderfallen. Schließlich sei er bald 90 Jahre alt – „und ich plane, in den nächsten Jahren zu sterben“, fügte er augenzwinkernd hinzu. Am 30. November feiert der Regisseur seinen runden Geburtstag.
Sein bissiger Witz hat mit dem Alter nicht abgenommen. Er habe sehr viel Glück gehabt mit den guten Genen und der Langlebigkeit seiner Eltern, sagte Allen in dem Podcast. Aber er habe schon 95-Jährigen gratuliert, wie fit und rüstig sie seien – „und alles ist großartig, und im nächsten Moment sind sie tot“.
Roman-Autor mit 89 Jahren
Das Multitalent (Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler) hinter Meisterwerken wie „Der Stadtneurotiker“, „Manhattan“, „Hannah und ihre Schwestern“, „Vicky Cristina Barcelona“ und „Blue Jasmine“ übernahm noch mit 89 Jahren eine neue Rolle – als Autor brachte er im September seinen ersten Roman heraus. In „What’s with Baum?“ beschreibt Allen einen von allerlei Unsicherheiten zerfressenen Mann, der stets philosophisch über den Sinn des Lebens grübelt, gerne in Selbstmitleid verfällt und zwischendurch zu dem Schluss kommt, dass ihn niemand versteht außer er selbst.
Die Romanfigur ist ein jüdischer Journalist und Dramatiker mit Problemen in seiner dritten Ehe und sinkendem Erfolg bei den Kritikern, der auch noch mit Vorwürfen sexueller Belästigung konfrontiert wird. Schnell neigt man dazu, manche Parallele zwischen dem fiktiven Asher Baum und dem Regisseur mit der markanten schwarzen Brille zu finden. Wie Baum ist auch Allen jüdischer Abstammung, lebt in seiner dritten Ehe mit der Adoptivtochter seiner Ex-Partnerin Mia Farrow, Soon-Yi Previn. Allens Erfolg wird zudem von Missbrauchsvorwürfen seiner Adoptivtochter Dylan überschattet.
Mia Farrow – Muse und Drama
Ein Dutzend Jahre war er mit der Schauspielerin Farrow zusammen, die aus einer früheren Ehe und durch Adoptionen sieben Kinder in die Beziehung mitbrachte. Dreizehnmal holte der Regisseur seine Freundin vor die Kamera, erstmals 1982 für „Eine Sommernachts-Sexkomödie“, zuletzt für „Ehemänner und Ehefrauen“ (1992). Dazwischen lagen Highlights wie „Zelig“, „Hannah und ihre Schwestern“ und „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“.
Gemeinsam adoptierte das Paar weitere Kinder und bekam 1987 schließlich einen Jungen – Ronan Farrow ist inzwischen Pulitzer-Preis-gekrönter Investigativjournalist, der mit seinen Aufdeckungen über den früheren Hollywood-Mogul Harvey Weinstein die „MeToo“-Bewegung gegen sexuelle Bewegung mit angestoßen hatte.
Missbrauchsvorwürfe von Adoptivtochter
Zum großen Bruch kam es 1992. Allen verliebte sich damals in Farrows Adoptivtochter Soon-Yi Previn, mit der er heute verheiratet ist und zwei Töchter adoptierte. Die anschließende Schlammschlacht beherrschte monatelang die Klatschpresse. Auf dem Höhepunkt warfen Farrow und die gemeinsame Adoptivtochter Dylan Allen sexuellen Missbrauch des Kindes vor. Der Regisseur wies die Vorwürfe stets zurück.
Die Behörden ermittelten damals, es kam aber nicht zu einer Anklage. Das Jugendamt fand keine glaubwürdigen Beweise. Die heute 40 Jahre alte Schriftstellerin Dylan Farrow hält weiter daran fest, die Familie ist völlig gespalten. „Dass ich Dylan nicht aufwachsen sehen durfte, gehört zu den traurigsten Dingen meines Lebens“, schrieb Allen 2020 in seinen Memoiren „Ganz nebenbei“.
Einige Schauspieler und Schauspielerinnen waren im Zuge der „MeToo“-Bewegung zu dem Regisseur auf Distanz gegangen. An seine großen Erfolge in den 1970er und 1980er Jahren konnte Allen an den Kinokassen schon lange nicht mehr anknüpfen. Doch für sein Spätwerk entdeckte Allen Europa mit London, Barcelona, Paris oder Rom als Drehorte.
Liebe für den europäischen Film
„Rifkin’s Festival“ feierte 2020 seine Weltpremiere auf dem San Sebastián Film Festival, in dem spanischen Ort, wo der Film auch spielt. Sein 50. und bisher letztes Werk, die Gesellschaftssatire „Ein Glücksfall“ („Coup de Chance“) über eine außereheliche Affäre, drehte Allen in Paris, sein erster Film auf Französisch. Bei den Filmfestspielen in Venedig feierte die Komödie 2023 Premiere. Allen sagte dort, seine Entscheidung, in Frankreich und auf Französisch zu drehen, sei aus seiner lebenslangen Liebe zum europäischen Kino entstanden.
Gibt es einen 51. Film?
Auch wegen der Missbrauchsvorwürfe gegen ihn hat der Regisseur immer größere Schwierigkeiten, seine Produktionen finanziert zu bekommen, vor allem in den USA. Wird es noch einen 51. Allen-Film geben? „Man weiß ja nie“, sagte der Regisseur Mitte Oktober in einem 90-minütigen Gespräch mit zwei US-Journalisten. Vielleicht würde sich ein Geldgeber in einem anderen Land finden. Allen stellte zugleich klar, dass er allein alle künstlerischen Entscheidungen treffe. Ein Finanzier würde weder das Drehbuch noch eine Liste der Schauspieler zu sehen bekommen.
Allen, der in seinen Film meist den gebildeten, aber glücklosen Verlierer voller Selbstzweifel und Melancholie spielt, stellt auch in dem Interview sein Licht unter den Scheffel. Er habe 50 Filme geschrieben und inszeniert, aber mehr als die Hälfte halte er nicht für gut, betonte der Filmemacher.
Großer Bogen um Hollywood
Genauso gehört es zu Allen, dass er Preisverleihungen in Hollywood meidet. Er wurde bisher für 24 Oscars nominiert, zuletzt 2014 für das Drehbuch zu „Blue Jasmine“. Cate Blanchett gewann damals den Oscar als beste Hauptdarstellerin in seinem Film.
Allen gewann in seiner langen Karriere vier Oscars, 1978 für Regie und Drehbuch von „Der Stadtneurotiker“, der auch zum „Besten Film“ gekürt wurde und Hauptdarstellerin Diane Keaton die begehrte Trophäe einbrachte. Weitere Drehbuch-Oscars holte Allen 1987 für „Hannah und ihre Schwestern“ und 2012 für „Midnight in Paris“ – aber nicht einen davon nahm er persönlich entgegen.
Nur an einer einzigen Oscar-Gala nahm der Filmemacher teil. Das war 2002, bald nach den Terroranschlägen des 11. September 2001. Damals wurde der gebürtige New Yorker von Hollywood als Botschafter seiner angeschlagenen Heimatstadt auf die Bühne gebeten.
© Deutsche Presse-Agentur
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„Shakespeare In Love“: Oscar-Preisträger Tom Stoppard gestorben – dpa / GMX, 29.11.2025
Der Oscar-Preisträger („Shakespeare in Love“) war ein Meister der intellektuellen Komödie und liebte ausgefeilte Wortspiele. Nun ist Tom Stoppard im Alter von 88 Jahren gestorben.
Als junger Mann sah er Mick Jagger ähnlich: der ungezähmte Schopf, die vollen Lippen, die Vorliebe für fließende Mäntel. Nun, viele Jahre später, trauert der Rockmusiker selbst um Tom Stoppard – dem britischen Dramatiker, der ihm einst so ähnlich sah. „Er war unterhaltsam und auf eine ruhige Art sarkastisch. Ein Freund und Weggefährte, den ich immer vermissen werde“, teilte Mick Jagger der Nachrichtenagentur PA zufolge mit.
Im Alter von 88 Jahren ist der Dramatiker und Oscar-Preisträger in seinem Zuhause in der englischen Grafschaft Dorset im Kreise seiner Familie gestorben, wie die Nachrichtenagentur PA unter Berufung auf seine Agentur United Agents berichtete, die ein Statement auf ihrer Webseite veröffentlichte.
Stoppard werde für „seine Werke, für ihre Brillanz und Menschlichkeit“, aber auch für „seine Großzügigkeit und seine tiefe Liebe zur englischen Sprache“ in Erinnerung bleiben, heißt es in dem Statement. Jagger teilte in einem X-Beitrag mit, er hinterlasse „ein beeindruckendes Werk voller Intellekt und Humor.“
Vom Flüchtlingskind zum Oscar-Preisträger
Geboren wurde Stoppard als Tomáš Straussler im heute tschechischen Zlín. Sein jüdischer Vater arbeitete als Arzt im Betriebskrankenhaus des Schuhkonzerns Bata. Der Inhaber rettete seine jüdischen Angestellten, indem er sie kurz vor der deutschen Besetzung im Jahr 1939 in Zweigstellen auf der ganzen Welt versetzte. Stoppards Familie gelangte nach Singapur, später nach Indien. Viele seiner Verwandten – das erfuhr er erst Jahrzehnte später – wurden in Konzentrationslagern umgebracht.
Mit 17 verließ Stoppard schließlich die Schule und arbeitete zunächst als Lokaljournalist in Bristol. Sein erstes Bühnenstück wurde 1964 als „Der Spleen des George Riley“ in Hamburg uraufgeführt. 1967 stellte er schließlich sein bekanntestes Bühnenwerk „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ vor. Das Drama über die beiden Freunde Hamlets aus William Shakespeares berühmter Tragödie erhielt im Jahr darauf den Tony-Award als bestes Theaterstück.
Stoppard brachte seine Liebe zum Theater mit Dutzenden Stücken zum Ausdruck, auch Hörspiele fürs Radio schuf er. Er übersetzte Arthur Schnitzler und Vaclav Havel ins Englische und wurde immer wieder von Hollywood angeheuert, um Drehbüchern den letzten Schliff zu geben – darunter Tim Burtons „Sleepy Hollow“ und „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“.
1999 erhielt er schließlich zusammen mit Marc Norman den Oscar für das Drehbuch „Shakespeare in Love“ mit Gwyneth Paltrow – ein Highlight seiner langen Karriere. Zwei Jahre zuvor wurde er für seine Verdienste im Bereich der Literatur der Nachrichtenagentur PA zufolge sogar von der verstorbenen Queen Elizabeth II. zum Ritter geschlagen.
Auch im hohen Alter noch im Theater
Der berühmte Dramatiker hinterlässt vier Söhne, darunter den Schauspieler Ed Stoppard, und seine dritte Frau Sabrina Guinness, die er 2014 heiratete.
Das Schreiben, das fiel ihm im hohen Alter oft nicht mehr so leicht, wie er einst erzählte. „Als ich jünger war, konnte ich etwas Sinnvolles tun, wenn ich nur einen halben Tag Zeit hatte“, sagte er vor einigen Jahren der „Times“. „Jetzt brauche ich fünf Tage, um die Welt hinter mir zu lassen, und zwei Wochen, während derer ich mit niemandem spreche, um alles in meinem Kopf zu halten.“
Dass Stoppards Werke aus der Welt des Theaters auch künftig nicht wegzudenken sind, scheint angesichts seiner Vita wenig überraschend: Ab Januar 2026 ist etwa im Londoner Old Vic Theater eine Inszenierung seines Theaterstücks „Arcadia“ zu sehen. (dpa/bearbeitet von cgo)
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*** zuletzt aktualisiert am 19.11.2025***
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Tickende Zeitbombe am Anleihenmarkt: In den USA und in Europa wird die Staatsverschuldung zum Problem – Catherine Bosley, NZZ, 30.9.2025
Die Risikoprämien für langfristige Obligationen sind trotz geldpolitischer Lockerung in Grossbritannien, Frankreich und den USA gestiegen. Washington genoss bislang ein «exorbitantes Privileg». Dieses ist nicht in Stein gemeisselt.
Die Reaktion der Anleiheninvestoren auf die jüngste Zinssenkung der amerikanischen Notenbank Federal Reserve erscheint zunächst widersprüchlich. Obwohl das Gremium um Jerome Powell den Leitzins um 25 Basispunkte herabsetzte, legten die Renditen zehn- und dreissigjähriger amerikanischer Staatsanleihen zu.
Doch es gibt eine plausible Erklärung – und sie ist für die USA ein schlechtes Omen. Ein schwindelerregender Schuldenberg und Handelszölle, die die Inflation anheizen, lassen erwarten, dass die Finanzierungskosten der weltgrössten Volkswirtschaft langfristig steigen werden. Hinzu kommt der Druck aus dem Weissen Haus, das die Unabhängigkeit der Notenbank infrage stellt. Das könnte die Inflationserwartungen befeuern.
Doch das Phänomen ausufernder Staatsdefizite, welche die Kapitalmärkte in Unruhe versetzen, beschränkt sich keineswegs auf die USA. Obwohl die Notenbanken auf beiden Seiten des Atlantiks die Leitzinsen gesenkt haben, ist die von Anlegern geforderte Risikoprämie für das Halten lang laufender Anleihen von staatlichen Emittenten wie Frankreich, Deutschland oder Grossbritannien im vergangenen Jahr gestiegen. Dies ist ein Indiz dafür, dass Investoren zunehmend an der Tragfähigkeit der Staatsverschuldung zweifeln.
Zum Beispiel muss Frankreich für neue Kredite noch tiefer in die Tasche greifen als das hoch verschuldete Italien oder Griechenland. Und der Zins auf Staatsschulden war zeitweise höher als der auf den Wertpapieren grosser französischer Unternehmen. Der klägliche Zustand des gallischen Staatshaushalts trug auch massgeblich zum Zusammenbruch der Regierung unter François Bayrou im September bei.
Währenddessen prognostiziert in den USA das Yale Budget Lab, dass aufgrund der höheren Staatsverschuldung durch Donald Trumps Big Beautiful Bill die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe – zurzeit bei etwa 4,15 Prozent – bis 2030 um etwa einen halben Prozentpunkt steigen werde.
«Nicht nachhaltig» sei die Entwicklung der amerikanischen Staatsverschuldung, hatte Powell im Mai erklärt, noch bevor Trumps Gesetz angenommen wurde. Dieses stockt die Mittel für das Militär und den Grenzschutz auf und senkt gleichzeitig die Steuern.
Bislang profitieren die USA von der Rolle des Dollars
Über Jahrzehnte profitierten die USA vom Status des Dollars als internationale Leitwährung. Unter anderem bedeutete dies, dass die hohe ausländische Nachfrage nach sicheren, liquiden amerikanischen Obligationen die Finanzierungskosten Washingtons in Schach hielt. Diesen Sonderstatus bezeichnete der französische Schatzmeister Valéry Giscard d’Estaing einst als «exorbitantes Privileg».
Im Zuge der immer höheren Zölle aus Washington dieses Jahr kamen seitens der Investoren allerdings Zweifel über die Vorreiterrolle des Dollars und die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Wirtschaftspolitik auf. Der Greenback sackte im April bis zu 7 Prozent gegenüber dem Euro und sogar fast 9 Prozent gegenüber dem Franken ab, während die Renditen auf US-Treasuries stiegen. Im Gegensatz zu seinen Amtsvorgängern tritt Trump nicht für eine starke Währung ein.
Das Fed senkte am 17. September den Leitzins mit Verweis auf den Arbeitsmarkt, wo es eine beginnende Schwäche erkannte. Dabei entschieden sich die Geldhüter dafür, über die aus ihrer Sicht etwas erhöhte Teuerung hinwegzuschauen.
Noch sind die Auswirkungen der Zölle auf die amerikanische Wirtschaft nicht vollständig zu spüren. Die höheren Einfuhrabgaben beginnen laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) erst jetzt, die Konsumentenpreise zu beeinflussen. Es gibt so gut wie keine Anzeichen dafür, dass die Importeure die Zölle absorbieren, anstatt sie an die Kunden weiterzureichen. Die OECD hat vor diesem Hintergrund ihre Inflationsprognose für die USA für das Jahr 2026 auf 3 Prozent angehoben.
Auch nach Meinung der Deutschen Bank deuten Finanzmarktindikatoren darauf hin, dass die Teuerung in den USA in den kommenden Jahren über dem Zwei-Prozent-Zielband des Fed bleiben wird. Tatsächlich verharrt die in fünf Jahren erwartete Inflationsrate – die im Fachjargon Break-even-Rate genannt wird und aus dem Vergleich der Renditen von inflationsindexierten und nominalen Wertpapieren berechnet wird – seit Anfang dieses Jahres bei rund 2,5 Prozent.
Noch sind Treasuries bei Investoren begehrt
Experten erwarten, dass das Finanzministerium unter Scott Bessent die Politik seiner Vorgängerin Janet Yellen weiterführt und für die Neuverschuldung überwiegend auf Schuldtitel mit Laufzeiten von unter einem Jahr – sogenannte Bills – setzt. So kann das Treasury von den geringeren Finanzierungskosten auf kurzfristigen Obligationen profitieren.
Stephen Miran, jüngst von Trump in den Vorstand des Fed berufen, hatte 2024 mit dem New Yorker Ökonomen Nouriel Roubini die Ausrichtung auf kurzfristige Anleihen untersucht. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Strategie – ähnlich wie die quantitative Lockerung einer Notenbank – die Renditen am Markt senkt und auch in Zukunft Anwendung finden dürfte.
Die Taktik funktioniert natürlich nur unter dem Vorbehalt, dass es stets genug Käufer für amerikanische Wertpapiere gibt.
Noch erfreuen sich amerikanische Staatsanleihen reger Beliebtheit. Deswegen sind die amerikanischen Anleihenmärkte wahrscheinlich trotz Zollhammer von Turbulenzen wie an den Kapitalmärkten Frankreichs und Grossbritanniens dieses Jahr verschont geblieben. Nach der vom «Liberation Day» ausgelösten Volatilität im April stieg der von ausländischen Investoren gehaltene Bestand im Juli auf ein Rekordniveau von 9,16 Billionen Dollar. Wer liquide Wertpapiere mit einer attraktiven Rendite kaufen möchte, kommt derzeit kaum am weltgrössten Markt vorbei.
Doch Verkaufswellen wegen Washingtons Handelspolitik, Trumps Druck auf die Notenbank oder die anhaltend hohe Teuerung könnten die Lage umkehren. Sollten Anleger längerfristig an der Glaubwürdigkeit des amerikanischen Fiskus zweifeln, würden die Wertpapiere ihren Status als sicheren Hafen verlieren.
«Wir sind zunehmend der Ansicht, dass die USA auf einige altbewährte Taktiken hoch verschuldeter Staaten zurückgreifen werden», wie zum Beispiel Interventionen am Anleihenmarkt, um die Kosten der laschen Haushaltpolitik zu verschleiern, schrieb Atul Bhatia, ein Stratege von RBC Wealth Management. Das Setzen auf kurzfristige Schuldverschreibungen «birgt grössere Risiken für die amerikanischen Staatsfinanzen, da die Finanzierungskosten dann nicht so berechenbar sind».
Wirtschaftswachstum ist das beste Mittel
Das Phänomen der ausufernden Staatsverschuldung betrifft sowohl die USA als auch die grossen Industrieländer Europas und Asiens. Um die gigantischen Summen in den Griff zu bekommen, gibt es zwei unterschiedliche Pfade: Entweder wird das Wachstum beschleunigt oder aber die Schuldenlast wird auf Kosten der Gläubiger verringert.
Ein beleben der Konjunktur lässt das Ausmass der Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung eines Staates schrumpfen. Dies erfordert jedoch einen Produktivitätsschub – etwa durch künstliche Intelligenz – oder schmerzhafte Strukturreformen.
Wie jüngst in Frankreich, als der Premierminister aufgrund seines vorgeschlagenen Sparprogramms den Hut nehmen musste, stossen staatliche Ausgabenkürzungen bei Wählern oft auf Ablehnung.
Die andere Möglichkeit ist finanzielle Repression, also wenn der Staat die Anleger faktisch zum Halten von unattraktiven Staatsschulden zwingt. Ein beabsichtigtes Anheizen der Teuerung kann den realen Wert dieser Schulden weginflationieren, solange diese nicht teuerungsgeschützt sind. Oder aber es kommt sogar zu eigentlichen Schuldensanierungen mit kostspieligen Schuldenschnitten wie derjenige von Griechenland 2012.
Die Unsummen der Verbindlichkeiten sind auf beiden Seiten des Atlantiks eine tickende Zeitbombe. Ob und in welcher Form diese losgeht, bleibt abzuwarten.
Schulden wie nach dem Weltkrieg Warum der Welt der Finanzkollaps droht – n-tv, Daniel Schütte, 27.9.2025
Frankreichs Haushalt ist nur noch ein Torso. Die Staatsverschuldung der USA hat astronomische Dimensionen erreicht – die Europäer folgen dem Trend. Inzwischen sagen selbst seriöse Ökonomen und Investoren einen Crash und Panik an den Finanzmärkten voraus. Sie haben recht: Die Schuldenbombe tickt.
Der Schuldenberg der westlichen Staaten ist heute wieder ungefähr so hoch wie in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Gerade noch neun Länder erhalten von allen drei großen Ratingagenturen die höchste Bonitätsstufe, das dreifache A. Selbst starke Wirtschaftsnationen wie Frankreich verlieren die Kontrolle über ihre Haushaltsdefizite. Müsste Frankreich auf die Rettungsmechanismen zurückgreifen, die im Zuge der Eurokrise aufgebaut worden sind, dann hätte das dramatische Folgen auch für die Bundesrepublik. Dreistellige Milliardenbeträge stünden auf dem Spiel.
Regierungen und Wähler haben sich im Laufe der Jahre an solche Summen gewöhnt. Weil am Ende – zumindest für Deutschland – immer alles gut gegangen ist, erscheinen Warnungen nur abstrakt und hypothetisch. Doch die bisherige Verschuldungspolitik wird so nicht weitergehen können. Der aufgebaute Sprengstoff ist hochexplosiv, die Schuldenbombe tickt.
Die USA, der größte Staatsschuldner der Welt, sind nach Ansicht der meisten Ökonomen und Investoren auf fiskalischem Crashkurs. Drastische Warnungen häufen sich. Jamie Dimon etwa, der Chef der weltgrößten privaten Bank J.P. Morgan und Doyen der Wall Street, sprach schon vor der Wahl 2024 von einer drohenden „Rebellion“ der Finanzmärkte, weil die Haushaltsfinanzierung auf ein „Kliff“ zusteuerten. Im Mai prognostizierte er ein Fiasko, weil es zu einem „Riss“ am Bondmarkt kommen werde: „Das wird passieren.“ Seinen Bankenaufsehern sage er: „Ihr werdet in Panik geraten.“
Kernschmelze des Finanzsystems könnte von den USA ausgehen
Die US-Staatsschuldenquote wächst seit Jahren ungebremst, laut Internationalem Währungsfonds (IWF) liegt sie derzeit bei 123 Prozent. Tendenz: immer weiter steigend. Diese Schuldenlawine betrifft die gesamte Welt, denn die USA sind mit Abstand der führende Finanzplatz und der von ihnen geschöpfte Dollar ist die Welt-Reservewährung. Probleme des Schuldners USA könnten deshalb bis zu einer Kernschmelze des Weltfinanzsystems führen. China und andere Herausforderer der USA arbeiten ohnehin daran, die Dominanz des Dollarsystems zu brechen.
Zur hohen Schuldenlast Amerikas, das sein Triple-A längst verloren hat, kommt inzwischen noch die unberechenbare Politik des Präsidenten: Donald Trumps Zölle schaden dem Wirtschaftswachstum, seine Steuersenkungen haben neue Haushaltslöcher gerissen. Obendrein untergräbt Trump mit brachialen Mitteln die Unabhängigkeit der US-Zentralbank Fed, die der Garant eines stabilen Dollar und der Finanzmarktstabilität sein müsste.
Trump will die Notenbankerin Lisa Cook wegen angeblicher privater Verfehlungen feuern. Um mehr Einfluss zu gewinnen, beförderte er auch seinen Chefökonomen Stephen Miran in die Zentralbank, der sofort eine neue Angriffsfront eröffnet hat. Nach dem Gesetz soll die Fed bisher einerseits für stabile Preise, andererseits für möglichst hohe Beschäftigung sorgen. Miran grub eine Passage in den Statuten aus, nach der die Fed zusätzlich auch für moderate Langfristzinsen sorgen müsse.
Mit diesem neuen Rechtsverständnis könnte die Notenbank künftig die Aufgabe übernehmen, dem Präsidenten und seiner Regierung den Rücken finanziell freizuhalten. Denn deren Schuldenpolitik lässt sich nur fortsetzen, wenn die Zinsen im Zaum gehalten werden. Wo der billige Kredit zum permanenten Ziel der Geldpolitik wird, wächst allerdings das Inflationsrisiko erheblich.
Nicht nur die Stabilität des Dollar ist dadurch bedroht. In fast allen Industrieländern gefährdet die wachsende Last der Schulden am Ende das Geldsystem. Die Europäer stehen nur auf den ersten Blick etwas besser da. Die Staatsschuldenquote der Eurozone liegt zwar zusammengerechnet deutlich unter 100 Prozent. Die Währungsunion besteht aber aus zwei fiskalisch sehr verschiedenen Blöcken: Die sechs am höchsten verschuldeten Länder Italien, Frankreich, Spanien, Griechenland, Belgien und Portugal haben – in Relation zum Wirtschaftswachstum – zusammen einen fast genauso hohen Schuldenstand wie die USA.
Abrupte Schuldenwende in Deutschland
Das Gegengewicht bildet im Wesentlichen Deutschland, das seine Schuldenquote in den 2010er Jahren wieder in die Nähe von 60 Prozent gesenkt hatte, und das als der Stabilitätsanker des Euro gilt. Mit der abrupten Schuldenwende im Frühjahr haben die Deutschen ihren Kurs nun grundlegend verändert: Der im Vergleich noch große Kreditspielraum soll zügig genutzt werden. Zugleich verschlechtert sich die Lage beim wichtigsten Partner Frankreich drastisch: Das Land ist tief gespalten, immer neue Regierungen scheiterten zuletzt daran, die ständig steigende Verschuldung zu bremsen. Am Kapitalmarkt ist der Zins der französischen Staatsanleihen deshalb auf das Niveau des notorischen Schuldenpatienten Italien gesprungen. In der Währungsunion zahlen heute die beiden nach Deutschland größten Volkswirtschaften die höchsten Risikoaufschläge gegenüber den Bundesanleihen.
Eine Finanzpolitik, die ihre Schulden nicht mehr im Griff hat, wird zum Sprengstoff für die Finanzmärkte. Denn die Staatsschulden müssen zwar nie restlos zurückgezahlt, aber doch immer wieder neu finanziert werden. Nach einer langen Phase von Mini- und teils sogar Negativzinsen sind die Kreditkosten zuletzt wieder spürbar gestiegen. Verlieren die Investoren einmal abrupt das Vertrauen in die vermeintlich völlig sicheren Papiere, dann drohen massive Erschütterungen: Crashende Bondkurse bringen Banken und Versicherungen ins Wanken, hochschießende Zinsen verschärfen die Haushaltsnot noch weiter. Als letzter Retter in der Krise bleibt dann nur noch die Notenbank, die unbegrenzt Geld schöpfen kann – „whatever it takes“.
Zuletzt hat Großbritannien 2022 einen solchen Schock erlebt. Damals stürzte die neue Premierministerin Liz Truss schon nach wenigen Wochen, weil der Bondmarkt angesichts ihrer Schuldenpläne crashte. Erst ihr Rücktritt und die Interventionen der Bank of England beruhigten die Lage. Der „Truss-Moment“ ist seither der Albtraum vieler Regierungen weltweit.
Schon vor Monaten forderte die vor kurzem ausgeschiedene IWF-Vizechefin Gita Gopinath einen „strategischen Schwenk“. Sie nannte die fiskalische Lage der Welt „schlimmer, als Sie denken“. Höheres Wachstum wäre der Königsweg aus der Schuldenfalle. Die Zügelung von Ausgaben ist vor allem dort unvermeidlich, wo die Steuerlast schon sehr hoch ist. Aktuell zeigt sich aber vor allem, dass der Druck auf die Notenbanken wächst. Die Politik hat sich an das leichte Geld gewöhnt, das die Währungshüter in den großen Krisen der vergangenen anderthalb Jahrzehnte zur Verfügung gestellt haben. Das Risiko einer etwas höheren Inflation erscheint vielen vertretbar – zumal die schleichende Entwertung des Geldes auch die reale Last der Staatsschulden aushöhlen kann.
Der jüngste Vorstoß des Trump-Loyalisten Miran mag Europäern bizarr erscheinen. Die Europäische Zentralbank hat formal ein viel engeres Mandat als die amerikanische Fed. Der klare Auftrag heißt hier: stabile Preise. Faktisch stabilisiert aber auch die EZB schon seit Jahren die Zinsen für Krisenkandidaten wie Italien. Im Fall Frankreich wird sie nicht anders handeln können.
Quelle: ntv.de
Reset wie 1948: Droht die große Enteignung – rtl+, 14.8.2025
Zwangshypotheken, entwertete Konten, 90 Prozent Verlust beim Geldvermögen – die Währungsreform von 1948 zeigt, wie radikal ein Reset ablaufen kann. Und er könnte wiederkommen.
Raimund und Etienne sprechen in dieser Podcast-Folge darüber, wie solche Eingriffe in der Vergangenheit aussahen und warum die Reset-Gefahr auch in der Gegenwart nicht gebannt ist. Könnten sogar die USA im Zentrum eines neuen Resets stehen? Was passiert dann mit Geld, Schulden, Immobilien und Aktien? Und wie schützen Sie Ihr Vermögen am besten? Fragen und Anregungen bitte an brichtaundbell@ntv.de
Währungsreform von 1948 Das sind die wichtigsten Fragen zum „Reset-Szenario“ – n-tv, ab 31.7.2025
Zwangshypotheken, entwertete Konten, 90 Prozent Verlust beim Geldvermögen – die Währungsreform von 1948 zeigt, wie radikal ein Reset ablaufen kann. Dieses Szenario haben Raimund Brichta und Etienne Bell in der vorherigen Folge „Brichta und Bell – Wirtschaft einfach und schnell“ vorgestellt und selten so viel Feedback erhalten. In dieser Woche klären sie weitere wichtige Fragen: von den Auswirkungen auf Gold über Kryptos hin zu KI.
AKTIENEMPFEHLUNGEN – BUY & SELL
Aktuell (—):
Aktien um 10 Euro je Stück sind FETT hervorgehoben.
Die erwarteten stolzen Kursgewinne sind dem Übermut der tollen Analystenzunft zu verdanken! Hirn selbst einschalten und kritisch bewerten. MERKE: Klappern gehört zum Geschäft. Es geht letztlich nicht so sehr um die Beratung der Anleger, sondern um die spekulativ selbst gehaltenen Aktien der Häuser (Banken, Fonds, Anlagegesellschaften etc.), für die die Analysten tätig sind: wenn viele kaufen, steigen die Kurse, und 5% Plus sind zwar weniger als 15% oder 35%, aber besser als 5% Minus. Zudem lassen sich schnell noch eigentlich „schlechte“ Aktien im Portfolio des Hauses (Banken, Fonds, Anlagegesellschaft etc.) verkaufen, für die der Analyst tätig ist, sofern die werten privaten Anleger den Kaufempfehlungen folgen. So schaut’s aus im Schneckenhaus! Nochmals: Hirn selbst einschalten. Die Finanzbranche lebt vom Trübe-Machen des Wassers!
NICHT ZULETZT: Verkaufsempfehlungen werden ungern gegeben, da sie auf das Portfolio der Häuser (Banken, Fonds, Anlagegesellschaft etc.) rückschließen lassen, zu denen die Analysten gehören. Verkaufsempfehlungen werden aus zwei Gründen gegeben: a) es ist tatsächlich Feuer am Dach des analysierten Unternehmens, b) das Haus möchte die Aktien des zum Verkauf empfohlenen Unternehmens billiger zurückkaufen, sofern den Verkaufsempfehlungen gefolgt wird. Letztlich agieren an der Börse die Optimisten, und die wollen positive Nachrichten hören, also werden sie von den Häusern und ihren Analysten entsprechend bedient.
UND ZU ALLERLETZT: die Analysten bespiegeln sich untereinander: wer hat was empfohlen oder nicht empfohlen, es kommt zu herdenpsychologischen Erscheinungen derart: der Leithammel hat empfohlen, also machen wir das auch. Die jeweiligen Analysen werden entsprechend (um)formuliert. Das zweite Moment: die Konkurrenz, die u.U. zu skurrilen Interpretationen des analysierten Unternehmens führt.
FAZIT: was die Analystenzunft von sich gibt, kann aufschlussreich sein, muss es aber nicht, vermittelt einen zusätzlichen Eindruck zu einzelnen Aktiengesellschaften. Wichtig ist der Blick auf zweierlei: a) entscheidend: auf die volkswirtschaftliche Situation des Landes, der Welt; b) sekundär (!) auf das Unternehmen und seine Branche: Charakter des Managements, klare, gut durchschaubare Produktpalette, Langlebigkeit des Unternehmens und seine Stetigkeit im Gebaren.
Renten- und Aktienmärkte
Man halte sich vor Augen: Aktienmärkte sind die Pfützen in der Welt der Veranlagungsmöglichkeiten. Anleihenmärkte (Rentenmärkte, Kapitalmärkte) sind die großen Ozeane ebendort. Daher sind Aktienmärkte volatil und reagieren auf den leisesten Windhauch mit u.U. kräftigen Ausschlägen. Die Seelen der Anleger sind sehr verletzlich: Angst und Gier bestimmen hier jegliches Handeln, die vernünftige Veranlagungsentscheidung steht an zweiter Stelle. Das verursacht in den kleinen Geldpfützen der Aktienmärkte hohe Wellen. Aber dort stehen nach erster Erschütterung später die rationalen Kaufs- und Verkaufsentscheidungen felsenfest – bis zur nächsten Seelenerschütterung.
Anleiheanleger sind cooler und gezügelter im Gemüt. Hier geht es eher um Langfristperspektiven. Alles dreht sich um den Zins und wie er sich weiterentwickelt. Wer an der Zinsschraube dreht, dreht am Schicksal ganzer Volkswirtschaften. Da ist das aufgeregte Gegackere an den Aktienmärkten geradezu uninteressant.
Aber kommen Anleihemärkte einmal ins Rutschen – nach oben oder nach unten – dann ist Feuer am Dach. Schon 0,5 oder gar 1 Prozent Veränderung in einem Anleihenindex sind eine „Weltbewegung“ im Milliarden- oder Billionengeldmeere der Anleiheozeane.
Dazu kommt: Die Anleiherenditen konkurrenzieren mit den Aktienrenditen. Eine hohe Anleiherendite jenseits der 3 Prozent wirkt umso „giftiger“ auf die Aktienkursentwicklungen, je höher sie ist. Liegt sie unter 3 Prozent, begünstigt sie die Aktienkäufe, Je deutlicher sie unter 3 Prozent liegt, umso eher. Das ist die Regel. Die Ausnahme – so, wie wir sie gerade sehen – bestätigt diese Regel. Früher oder später wird sie ihre dominante Stellung als Regel wieder einnehmen.
Diese Verhältnisse sind es, die im Tagesblick in der Regel die Berichte zu den Anleihemärkten wiedergeben lassen, dass aufgeregte Geflattere und Gegackere an den Aktienmärkten im Detail interessiert in der Regel nicht die Bohne.
Zur Renditebestimmung bei Anleihen: notiert die Anleihe zu 100 Prozent, dann stimmen Anleihezinssatz (der Couponzins) und Anleiherendite überein. Sinkt der Anleihekurs unter 100 Prozent, steigt die Rendite, umgekehrt gilt: steigt der Anleihekurs, so sinkt die Rendite. So einfach ist das. Und so weltbewegend in der Tat.
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Allgemeine Empfehlungen: Es geht vornehmlich um die Zukunft der Energiegewinnung und die Energielieferanten. Renner bleiben Telekommunikations-Unternehmen, deren Dienstleistungen in einer digitalisierten Wirtschaft und Gesellschaft unabkömmlich sind. Unter den Logistik-Aktien sind in der Regel die Post-Aktien interessant. Diese Branchen sind weniger konjunkturabhängig als z.B. Konsumaktien, darunter die Post-Aktien noch am ehesten.
Hinzu kommt, dass die klassischen erdölverarbeitenden Energielieferanten (Up- und Downstream) mehr oder weniger energisch in großem Stil auf Alternativenergien umstellen. Es bleibt ihnen angesichts des Klimawandels, der öffentlichen Meinung und der in absehbarer Zeit erschöpften Welt-Erdölreserven auch nichts anderes übrig. Über das Kapital für den weltlebensnotwendigen Umbau verfügen sie dank ihrer Aktionäre. Es geht aus Sicht der Unternehmen um zukunftsträchtige Geschäftsmodelle in einer überschaubaren Branche – Energie – und aus Sicht der Aktionäre um steigende Unternehmenswerte / Aktienkurse als Inflationsschutz und sichere, möglichst stabil wachsende Dividenden, ebenfalls hinsichtlich des Inflationsschutzes.
Anti-Nachhaltigkeits-Bewegung in den USA als 180-Grad-Wendung in der Veranlagungsgebarung
Der aktuelle politische Druck in den USA zwingt eine Reihe großer Vermögensverwalter, darunter die weltgrößten wie Blackwater und Vanguard (verwaltetes Vermögen: 20 Billionen US-Dollar), nachhaltige Unternehmen potentiellen Anlegern nicht mehr zu empfehlen. Sie selbst verkaufen solche Unternehmen aus ihren Portfolios. Es gibt sogar seitens republikanisch regierter Bundesstaaten wie insbesondere Texas Kaufverbote für staatliche Pensions- u.a. Fonds.
Ausgestiegen sind bereits US-amerikanische Großbanken wie JP Morgan, Goldman Sachs, Wells Fargo, Bank of America, Citigroup (verwaltetes Vermögen: 9 Billionen). Ähnliches betrifft die Kreditvergabe. Offen bleibt, wie private und Unternehmensanleger (nicht-staatliche Fonds) künftig disponieren werden.
Unter den angebotenen Finanzanlagen kursieren seit geraumer Zeit besondere Nachhaltigkeitsprodukte in Form sog. ESG-Fonds (mehr dazu hier), die hohe Renditen versprachen und daher recht starken Zulauf hatten; die Renditen wurde seit Erhöhung der Kreditzinsen gebremst, da dadurch kreditfinanzierte Nachhaltigkeitsprojekte (Windparks, Solaranlagen etc.) weniger rentabel wurden.
In der Europäischen Union will man sich weiter an entsprechende Nachhaltigkeitsauflagen festhalten. Bislang wurden in europäische ESG-Fonds 9 Billionen Euro investiert, was 61 Prozent des gesamten Fondmarktvolumens entspricht. Der Zufluss hat sich 2024 allerdings um die Hälfte auf 37 Milliarden Euro reduziert. Zudem wurden mehr ESG-Fonds geschlossen als eröffnet. Nicht nur die hohen Zinsen, die die ESG-Fonds-Renditen beeinträchtigten, führten dazu, sondern auch „grüne Schönfärberei“: es stellte sich da und dort heraus, dass die versprochene Nachhaltigkeit mehr auf dem Papier als in der Wirklichkeit bestand. (Quelle: Wirtschaft vor Acht, ARD, 10.1.2025 (KURZVIDEO, bis 17.1.2025 verfügbar))
FAZIT: Es bleibt abzuwarten, was das für den Klimaschutz in den USA und weltweit künftig bedeutet. Für Österreich stellt sich die Frage, wie eine künftige Regierung sich in Sachen Klimaschutz verhalten wird.
Aktienkauf – der Erwerb einer Unternehmensbeteiligung – bedeutet Übernahme eines Risikos in Hinblick auf das künftige Unternehmensschicksal. Die Dividende stellt eine Risikoprämie dar.
Aktienanalytischer Blick auf Aktien im Euroraum und speziell Österreich (Stand: 24.2.2025):
ACHTUNG – STEUERVERÄNDERUNGEN ANTE PORTAS:
Ins Gerede kommen in absehbarer Zeit auf EU-Ebene und auf Österreich-Ebene vermutlich Aktienbesteuerung (Verkaufsgewinne, Dividenden) ebenso wie Vermögens- und Erbschaftssteuer. Diese Steuern sind in Veranlagungsüberlegungen mit einzubeziehen.
Im Folgenden sind Aktien um 10 Euro je Stück und darunter FETT hervorgehoben.
Neu aufgenommene Aktien werden mit ### gekennzeichnet.
Beobachtenswert ist der Umweltschutz- und Wasserwirtschaftswert Veolia
Ein Kaufsignal liefern weiterhin ENI, UNICREDIT und TOTAL ENERGIES, im Vergleich zum 3.2.2025 stabile Bewertung mit jeweils fünf Sternen bewertet.
Ein Kaufsignal liefern ENEL, PORR, SHELL, VERBUND, ### VIENNA INSURANCE GROUP mit jeweils vier Sternen bewertet.
Im Vergleich zum 3.2.2025 erweiterte stabile Bewertung mit jeweils vier Sternen bewertet.
Ein niedriges KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) zeichnet aus:
RWE, TOTAL ENERGIES, ### UNICREDIT SPA, PORR, OMV, ### UNIQA, EVN, ENEL, TELECOM AUSTRIA, ### STRABAG, WIENERBERGER, SHELL, PALFINGER.
Aufsteigende Reihenfolge: die erste Aktie RWE ist die mit dem niedrigsten KGV = 4,8, PALFINGER die mit dem höchsten KGV = 9,3.
Im Vergleich zum 3.2.2025 erweiterte stabile Bewertung.
Ein niedriges dynamisches KGV (PEG, Price-Earning-to-Growth) weisen u.a. auf:
ENI, UNICREDIT, ### KONTRON AG, OMV, SHELL, PORR, WIENERBERGER, PALFINGER,
Nicht mehr dazu gehören: VIENNA INSURANCE GROUP, TELECOM AUSTRIA.
Aufsteigende Reihenfolge: die erste Aktien ENI = 0,5 ist die mit dem niedrigsten, PALFINGER die mit dem höchsten PEG = 1,4.
Im Vergleich zum 3.2. 2025 ist die Auswahl verändert, einzelne Aktien kamen dazu, andere fehlen nun!
Als Aktien mit langfristigem Kurspotential werden u.a. gesehen:
TOTAL ENERGIES, ENI, VERBUND, E.ON.SE, EVN, RWE.
Aufsteigende Reihenfolge: am Anfang der Reihe steht jene mit der größten Langfristchance.
Im Vergleich zum 3.2.2025 bleibt die Auswahl stabil, die Reihenfolge hat sich geändert.
Als Aktien mit hoher Sicherheit werden u.a. bewertet VIENNA INSURANCE GROUP, VERBUND; die Bewertungen bleiben unverändert zum 3.2.2025.
Aufsteigende Reihenfolge: am Anfang der Reihe steht jene Aktie mit der größten Sicherheit.
Aktien mit hoher Dividendenrendite sind:
OMV, ORANGE, TELEFONICA, ENI, UNIQA, ENEL.
Aktien mit der größten Dividendenrendite stehen am Anfang der Reihe: OMV 12,6%, am Ende die mit der niedrigsten: Enel 6,7%, jeweils vor Steuer.
Im Vergleich zum 3.2.2025 bleibt die Auswahl gleich, die Reihenfolge hat sich geändert.
KAUFKRITERIEN neben den aktienanalytischen Kennzeichnungen sind der Reihe nach: WER? – Qualität und Charakter (Psychologie!) des Managements, Häufigkeit des Managementwechsels, Unternehmenskultur; WAS? – Produkteinfachheit: „einfach gestrickte“, leicht zu durchschauende/transparente Produkte oder Dienstleistungen, eher kleine Produktpalette bzw. enger umschriebenes Dienstleistungsangebot, Konstanz der Nachfrage; WIE? – Sicherheit, Widerstandsfähigkeit gegenüber wirtschaftlichen Wechselfällen, finanzielle Stabilität des Unternehmens, Konkurrenzsituation; WO? – geographische und „politische“ Lage möglichst fern von Krisengebieten inkl. solchen mit politischer Unruhe oder in Ländern mit totalitären Systemen oder deutlich defekten Demokratien (illiberale Demokratien); WANN? – Lebensdauer bzw. Überlebensdauer (Weltkriege etc.) des Unternehmens bisher, Stetigkeit der Dividendenzahlungen.
FAZIT: vor dem Kauf einer Unternehmensbeteiligung sich zur Aktiengesellschaft schlau machen: WER, WAS, WIE, WO, WANN.
ZWEI DINGE sind zusätzlich zu beachten:
# Langfristanlage durch Erwerb von Defensiv-Aktien (u.a. Energie, Telekom),
# Verbleib in einem Währungsraum, das ist der Euroraum. Daher werden die allseits seit Jahren gehypten US-Aktien hier mit Absicht außen vor gelassen, um das Währungsrisiko klein zu halten. Gleiches gilt für den Erwerb von Schweizer Aktien, wie die Vergangenheit mit Blick auf das sehr wechselhafte Wechselkursverhältnis Schweizer Franken / Euro gezeigt hat.
Die Europäischen Union als Veranlagungsrisiko?
Das Staatssystem der Europäischen Union kommt einer defekten Demokratie gleich und erstreckt sich in den Währungsraum (Euroland), in dem gehandelt wird. Man spricht auch von einem Demokratie-Defizit der Europäischen Union. Risiken dieser defekten Demokratie, um einige zu nennen, sind: Regelungen „von oben herab“ auf nicht sehr transparente Weise und Steuervorgaben, die sich durch Negieren realer Alltagserfordernisse auszeichnen, Überwachungsbestrebungen, hoher Bürokratieaufwand für Unternehmen und Bürger. All dies markiert Abgehobenheit und Bürgerferne der EU-Politik.
Kennzeichnend für das Gebaren (Governance) der EU ist ein Ineinandergreifen von EU-Exekutive (Kommission mit ihren Kommissariaten) und einem nicht gut überschaubaren Geflecht zahlreicher, der EU nahestehenden und von ihr geförderten Institutionen, Organisationen und Einrichtungen, die auf vielen Ebenen EU-Kommissionsvorgaben umsetzen helfen. Sie helfen insbesondere dabei, die von EU-Rat- und EU-Kommission angedachten, aber für Bürger und Unternehmen noch nicht „akzeptablen“ Vorgaben „schmackhaft“ zu machen, um so zu einer ausreichend hohen Akzeptanz in der Bevölkerung zu führen, die eine politische Umsetzung ermöglicht.
Junker sagte 1999 dazu sehr verkürzt und sinngemäß: was wir heute als EU nicht durchsetzen, das werden wir dann schon später durchsetzen. Dem Lobbyismus Richtung EU-Exekutive (insbesondere seitens der Unternehmen) steht ein „Lobbyismus“ seitens der EU in Richtung auf die Einrichtungen der Mitgliedsländer sowie auf die Unternehmen und die Bevölkerung gegenüber, dessen Räderwerk für den Normalbürger praktisch nicht durchschaubar ist. Inwieweit kommt dies einem autokratischen Verhalten von der Maschek-Seite gleich?
Hauptziel der EU-Bestrebungen ist die Etablierung der Vereinigten Staaten von Europa, die den derzeit bestehenden Verbund der Mitgliedsstaaten ersetzen soll. Das deutet auch der Wechsel der Namensgebungen im Zeitverlauf an:
# Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, umgangssprachlich auch Montanunion, 1951)
# Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG, 1957 inklusive EURATOM)
# Europäische Gemeinschaften (EG, 1965 ff., Fusion von EWG, EURATOM und einzelnen EG-Organen, Fusions- und Folgeverträge)
# Europäische Gemeinschaft (EG, seit 1993 ff., Maastricht- und Folgeverträge)
# Europäische Union (EU, 2007, Lissabon- und Folgeverträge)
| 1948 1948 Brüsseler Pakt | 1951 1952 Paris | 1954 1955 Pariser Verträge | 1957 1958 Rom | 1965 1967 Fusions- vertrag | 1986 1987 Einheitliche Europäische Akte | 1992 1993 Maastricht | 1997 1999 Amsterdam | 2001 2003 Nizza | 2007 2009 Lissabon | ||||||||||||||||||||||
| Europäische Gemeinschaften | Drei Säulen der Europäischen Union | ||||||||||||||||||||||||||||||
| Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) | → | ← | |||||||||||||||||||||||||||||
| Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) | Vertrag 2002 ausgelaufen | Europäische Union (EU) | |||||||||||||||||||||||||||||
| Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) | Europäische Gemeinschaft (EG) | ||||||||||||||||||||||||||||||
| → | Justiz und Inneres (JI) | ||||||||||||||||||||||||||||||
| Polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen (PJZS) | ← | ||||||||||||||||||||||||||||||
| Europäische Politische Zusammenarbeit (EPZ) | → | Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) | ← | ||||||||||||||||||||||||||||
| Westunion (WU) | Westeuropäische Union (WEU) | ||||||||||||||||||||||||||||||
| aufgelöst zum 1. Juli 2011 | |||||||||||||||||||||||||||||||
Problematisch bleibt dabei: je größer die Zentralisation von Staatsmacht, umso größer die Machtfülle, die mit „eiserner Harke“ über berechtigte (!) Einzelinteressen der Mitgliedsstaaten und damit der Bürger drüberfährt. Das Prinzip der Subsidiarität bleibt dabei auf der Strecke, so wie dieses Prinzip z.B. Österreich 1994 anlässlich der Vorabstimmungskampagnen versprochen wurde. Wurde das Versprechen eingelöst?
Beispiele der Machtfülle durch Zentralisierung liefern alle großen Staaten, u.a. Russland und China, die geradezu Musterbeispiele dafür darstellen.
Ein Problem des Staates an sich ist das Machtmonopol, das bei ihm liegt und liegen muss, will er Gesellschaft – das Staatsvolk – und die Abläufe darin mit Erfolg, also: durchsetzungskräftig organisieren. Das Problem ergibt sich aus dem Spannungsfeld zwischen unbeschränkter Freiheit des Individuums (Libertarismus) und unbeschränkter Freiheit des Staates (Totalitarismus).
Wie dieses Machtmonopol ausgestaltet wird, unterliegt in Demokratien dem Willen des Wahlvolkes, in nicht-demokratischen Staaten dem Willen des autoritären, totalitären oder autokratischen Machthabers. In defekten Demokratien ist die Mitbestimmung des Volkes eingeschränkt. Defekte Demokratien existieren in einer Grauzone, deren Konstituenten und ihre gegenseitige Einflussnahme nicht leicht zu bestimmen sind. Somit ist auch der Defektheitsgrad einer defekten Demokratie nicht leicht zu bestimmen und unterliegt, je nach politischer resp. ideologischer Perspektive, unterschiedlichen Wertungen.
Die idealtypische Dreiteilung der Regierungsformen existiert in der Wirklichkeit nicht: keine Demokratie der Welt entspricht der idealen Form, weist also im Ansatz Eigenschaften einer defekten Demokratie auf, kein totalitärer Staat schränkt die individuellen Freiheiten vollständig ein, es verbleibt den Bürgern dort ein mehr oder weniger großer Freiheitsraum.
Hinsichtlich des staatlichen Machtmonopols, das zudem bei anwachsender Zentralisation der Staatsgewalt zur Zunahme neigt, ergibt sich die Erkenntnis: so wenig Staat wie möglich, so viel Staat wie nötig als einer Einrichtung, die mit einem mit Rechtsgewalt in das Leben seiner Bürger eingreifenden Machtmonopol versehen ist, das für das „Funktionieren“ einer Gesellschaft unaufgebbar ist.
Die dafür notwendigen rechtlichen Verregelungen des Alltagslebens durch Allgemeines Gesetzbuch, Strafgesetzbuch, Angestelltengesetz etc.etc. sind zahllos und gelten bei ausnahmslos jeder Handlung, werden aber – ebenso regelhaft – dem Bürger erst dann bewusst, wenn es zu schwerwiegenden Regelverstößen oder Regelbruch-Sanktionierungen kommt.
Rechtliche Verregelungen sind Ausdruck der jeweiligen Ausprägungen eines Rechtsstaates; dieser wird in einer idealen Demokratie nicht durch Willküreinwirkungen korrumpiert: das ist ein wesentliches Kennzeichen demokratischer Rechtsstaatlichkeit. Auf Rechtsstaatlichkeit pflegen sich auch autoritäre, totalitäre oder autokratische, kurz: diktatorische Systeme zu berufen, doch wird der Rechtsstaat dort durch Willküreingriffe korrumpiert: Rechtsbiegung als Kennzeichen von Autokratien etc. In einer defekten Demokratie wird die Rechtsstaatlichkeit (leicht) eingeschränkt, womit das Risiko entsteht, in eine Autokratie abzugleiten.
Nur in formalrechtlicher Hinsicht war zum Beispiel auch der NS-Staat ein Rechtsstaat, besaß er doch gemäß der NS-Grundsätze umgearbeitete Gesetze aus der Weimarer Republik und neue Gesetze im Sinne der NS-Ideologie, auf die er sich in der Rechtsprechung berief und von denen viele in einem „normalen“, d.h. hier NS-konformen Rechtssetzungsprozess entwickelt wurden. Daran ändert nichts die Gepflogenheit, den NS-Staat in inhaltlich-ethischer Hinsicht als Unrechtsstaat zu bezeichnen. Ein krasses Beispiel für einen NS-Rechtserlass im autokratischen Sinn ist unter diesem Link einsehbar.
Kennzeichnend für die Biegsamkeit des Rechts je nach Staatsraison ist die Tatsache, dass Juristen nach einem Regimewechsel ihre Posten in der Regel nicht verloren, sondern im neuen Regime weiter im Dienst des Rechts ihre berufliche Tätigkeit frei oder im öffentlichen Dienst ausübten. So wurden Juristen und Richter nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes ohne weiteres in den öffentlichen Dienst der entstehenden Bundesrepublik Deutschland übernommen. Vergleichbares geschah nach dem Fall der UdSSR oder DDR.
Das „Funktionieren“ einer Gesellschaft dank dafür sorgender Rechtsstaatlichkeit bedeutet in einer Demokratie das Herstellen eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen einerseits den rechtsstaatlich gesicherten Freiheitsbedürfnissen des Individuums unter für ihn zureichenden wirtschaftlichen Gegebenheiten und andererseits den „Freiheitsbestrebungen“, somit Machtbestrebungen des Staates, mit dem Ziel, ein Höchstmaß an Gemeinwohl resp. Sozialfrieden in Freiheit herzustellen. Als Garant dafür dient die Gewaltenteilung und ein entsprechend stark regulierter und damit gewaltgebändigter Polizei- und Geheimdienstapparat sowie als vierte Gewalt die Sicherstellung einer freien Presse. MOTTO: Nimm Freiheitsbeschränkungen mit Blick auf das Gemeinwohl aus Überzeugung an, wir helfen dir dabei durch politische Aufklärung und sachliche Bildungsarbeit!
Das „Funktionieren“ einer Gesellschaft dank dafür sorgender Rechtsstaatlichkeit bedeutet in einer Autokratie, im Autoritarismus und vor allem im Totalitarismus Ausgesetztheit vor rechtsbeugenden willkürlichen Staatseingriffen auf die ohnehin reduzierten Freiheitsmöglichkeiten des Individuums unter nicht selten unzureichenden wirtschaftlichen Gegebenheiten zu Gunsten der Machtbestrebungen des Staates mit dem Ziel, ein Höchstmaß an „Gemeinwohl“ resp. „sozialem Frieden“ in Unfreiheit zu erzwingen. Als Garant dafür dient die Einschränkung, womöglich Aufhebung der Gewaltenteilung sowie ein entsprechend stark ausgeprägter und mit gering regulierter Gewalt ausgestatteter Polizei- und Geheimdienstapparat sowie eine allgegenwärtige Brachial-Propaganda unter Ausschaltung der Pressefreiheit. MOTTO: Kusch, sonst trifft dich der Polizeiknüppel und du landest im Gulag, folgst du nicht den Propaganda-vermittelten Staatszielen!
Das „Funktionieren“ einer Gesellschaft dank dafür sorgender Rechtsstaatlichkeit in einer defekten Demokratie gibt in (noch) geringem Ausmaß jene Prinzipien auf, die eine Demokratie hervorheben. Als Garant dafür dient eine Einschränkung der Gewaltenteilung und ein nicht allzu gestärkter und nicht allzu sehr mit herabgesetzter regulierter Gewalt ausgestatteter Polizei- und Geheimdienstapparat sowie eine verhältnismäßig subtil eingesetzte Propaganda und Beeinflussungsmaschinerie. MOTTO: Folge der politischen Verführung und glaube, es sei deine Entscheidung, sonst zwiebeln wir dich mit Exekutivmaßnahmen!
Eine solche Beeinflussungsmaschinerie hat die exekutiv im Grunde genommen schwach aufgestellte EU entwickelt, was zu eben der Ausbildung dieser „Schattenexekutive“ geführt hat. Sie trägt damit – nicht so ohne weiteres sichtbar für den Normalbürger – ein Kennzeichen einer defekten Demokratie. Damit steht die Gefahr im Raum, weiter an demokratischen Eigenschaften einzubüßen und zu einem politischen und wirtschaftlichen Risiko heranzureifen. In der Tat bemüht sich die EU um Stärkung ihrer Polizeigewalt (Frontex, 2004, weiterer Ausbau) und damit um Ausbildung eines weiteren Kennzeichens defekter Demokratien insofern der Vorwurf stimmte, dass Frontex auch innerhalb der EU eingesetzt werden könnte.
Was die Beeinflussungsmaschinerie der EU betrifft, hat 2011 der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger (1929-2022) die Europäische Union als “sanftes Monster Brüssel“ bezeichnet und von der „Entmündigung Europas“ gesprochen. Er anerkennt segensreiche Folgen ihres Wirkens, macht aber zugleich auf die strukturellen Defizite dieser überstaatlichen Einrichtung aufmerksam, die durch massive Öffentlichkeitsarbeit, um nicht zu sagen: Propaganda – geschickt durch das vorbeschriebene Geflecht an Organisationen, Instituten, Einrichtungen etc. vermittelt –, übertüncht werden. Bezeichnend ist sein Ausspruch: „Je dünner die Legitimität [ihres politischen Handelns], umso dicker der Glibber der PR.“
Die geschilderte Gefahr liegt nicht darin, sich im Euro-Währungsraum zu bewegen. Sie liegt darin, dass infolge mangelnder demokratischer Kontrolle politisch einer Gesinnungsethik und nicht einer Verantwortungsethik gefolgt wird. Damit einher ginge eine Abgehobenheit von den Realitäten des täglichen Lebens der Bürger und Unternehmen. Das führte kurz über lang zu einer Schwächung des Euros im Währungskonzert. Ein Risiko erwüchse dann eher daraus, dass es nicht sicher ist, ob der Währungsraum „Euro“ eines Tages zerbricht, zum Beispiel dadurch, dass im Konzert mit anderen Währungen die derzeit ohnehin angekratzte wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Europäischen Union noch weiter geschwächt würde und der Euro fortgesetzt an Wert verlöre. Letzteres erleichterte das Auseinanderbrechen der Europäischen Union, die Eigeninteressen der Mitgliedsländer träten wieder stärker hervor.
Dieses Auseinanderbrechen der Europäischen Union ist derzeit unwahrscheinlich, aber denkmöglich als Folge von: fortgesetzter Wirtschaftsschwäche; weiter zunehmender Unzufriedenheit der Bevölkerung mit Zunahme nationalkonservativer bis rechtsextremer Haltungen; fortgesetztem „Rütteln an den Ketten“ seitens ehemaliger UdSSR-Bruderstaaten; fortgesetzter Aufnahme neuer Mitgliedsländer speziell aus dem Balkan und dem ehemaligem UdSSR-Einflussbereich (Serbien, Ukraine); gravierenden, von den Bevölkerungen der Mitgliedsstaaten nicht mitgetragenen außen- und innenpolitischen Entscheidungen.
Bräche die EU, so bräche spätestens dann auch der Euro; im Übrigen weist die Geschichte der Währungsunionen auf deren Brüchigkeit hin: sie halten in der Regel nicht lange. Den Anleger zwingt unter anderem auch dies beizeiten zu überlegen, in welcher Währung er außerhalb des Euroraumes investieren soll. Angesichts des unsicheren Status des US-Dollars als Weltwährung ist dies eine herausfordernde Frage. Sie stellt sich glücklicherweise derzeit nicht, sondern taucht nur schemenhaft als Denkmöglichkeit am Horizont einer eher ferneren Zukunft auf. Aber: sie taucht auf und kann blitzesschnell elefantengroß im Raum stehen.
FAZIT: die Europäische Union birgt für den Anleger derzeit nur am Zukunftshorizont sich abzeichnende Risiken. Sie entspringen u.a. daraus, dass die EU weniger aus der Position der Stärke als eher aus der der Schwäche handelt. Im Vergleich zur Situation des Kalten Krieges und damit zur Gründerzeit der EU-Vorläufereinrichtungen, in der es nur einen wirtschaftsmächtigen geopolitischen Spieler und gleichzeitigen Verbündeten – die USA – gab, steht die Europäische Union heute zwischen zwei Wirtschaftsblöcken: dem des USA-geführten Westens und dem des sog. globalen Südens. Das erzeugt Druck, allzumal Zeitdruck, treibt die EU an und lässt sie, will sie nicht aufgerieben werden, nach Machtvergrößerung durch Zentralisierung streben – ein Demokratierisiko ersten Ranges, damit in der weiteren Folge ein Wirtschafts- und letztlich Veranlagungsrisiko.
Grundsätzliches zur Währungsspekulation
Währungs-Spekulation ist ein äußerst schwieriges, glitschiges, hochriskantes Geschäft, bedarf langjähriger Erfahrung, tagtäglicher Marktbeobachtung und eines guten Magens: Schocks und erratische Marktbewegungen müssen ausgehalten werden – psychisch und finanziell. Einer der bekanntesten und erfolgreichsten Währungsspekulanten im deutschsprachigen Raum ist Folker Hellmeyer (Hellmeyer-Website, Hellmeyer-Kurzportrait (Goldseiten), Hellmeyer auf Netfonds usf.).
Zweck der Währungsspekulation?
Wie bei den Warenoptionsmärkten dient auch der Währungsoptionsmarkt dazu, sehr starke Schwankungen im Wert einer Währung (Devise) zu verhindern: sehr starken Verteuerungen oder Verbilligungen einer Währung im Devisenmarkt (Währungs- oder FOREX-Markt) wird so gegengesteuert. Dafür sorgen die vielen Marktteilnehmer, von denen ein Teil den künftigen Wert einer Währung (Devise) höher, der andere diesen Wert tiefer einschätzt. Dies führt dazu, dass sich eine Art mittlerer Wert für diese Währung einstellt. Währungsoptionsmärkte sind rund um den Globus nahezu 24/7, also nahezu täglich rund um die Uhr, offen (Warenoptionsmarkt, Optionen im Freihandel).
Anders ausgedrückt: Die Spekulanten sichern sich mit ihrem Engagement gegen das Risiko eines Währungsverfalls oder eines Währungsanstiegs ab. Währungsanstiege sind ein Risiko für Käufer auf Warenmärkten, Währungsabwertungen sind ein Risiko für Verkäufer auf Warenmärkten. Gleiches gilt selbstverständlich auch für Dienstleistungen im internationalen Dienstleistungsaustausch. Die gegenläufigen Interessen auf dem Währungsoptionsmarkt „mitteln“ sich aus.
Allgemein gesprochen handelt es sich bei den Geschäften auf Optionsmärkten um Absicherungsgeschäfte oder Hedging.
Nochmals anders ausgedrückt: Auf aggregiertem Niveau (Makroebene) sorgt der Währungsoptionsmarkt für die Stabilität einer bestimmten Währung im Konzert der anderen Währungen im Devisen- resp. Währungsmarkt (Kassa- oder Spot-Markt, das Pendant zum Optionsmarkt).
Eine stabile Währung ist für die Volkswirtschaft, in deren Bereich diese Währung als Zahlungsmittel dient, eine Lebensnotwendigkeit für das optimale Funktionieren der volkswirtschaftlichen Grundvorgänge Kauf und Verkauf von Waren und Dienstleistungen. Erratische Schwankungen im Währungs- oder Devisenmarkt erschweren auf der Ebene der Unternehmen (Mikroebene) innerhalb und außerhalb einer Volkswirtschaft erheblich Kalkulationen mit Sicht auf künftig geplante Käufe und Verkäufe. Erratische Schwankungen einer Währung schwächen die Wirtschaftsleistung der zugehörigen Volkswirtschaft, eine stabile Währung fördert sie. Dies gilt auch für Volkswirtschaften außerhalb des entsprechenden Währungsraumes, sofern sie mit dieser Volkswirtschaft handelnd in Verbindung stehen.
FAZIT: Währungsoptionsmärkte sind für das Wirtschaftsgeschehen im Konzert der verschiedenen Volkswirtschaften überlebenswichtig.
Die heilige Trias
Diese Zusammenhänge bleiben in der Regel für Otto Normalverbraucher genauso verborgen wie die Bedeutung der nicht-demokratisch agierenden Zentralbanken, die mit ihren Zinsentscheidungen tief in das Wirtschaftsleben und somit in das Alltagsgeschehen der Menschen eingreifen. Warenmärkte, Währungsmärkte und Zentralbanken sind in einem fortlaufenden Marktgeschehen untrennbar und maßgeblich untereinander verbunden. Dabei modulieren und moderieren die Zentralbanken über den Zinssatz die Abläufe in Waren- und Währungsmärkten und den zugehörigen Optionsmärkten.
Für Otto Normalverbraucher sind Spekulanten auf diesen Märkten in aller Regel ganz, ganz böse Subjekte, die sich mit ihren Spekulationsgewinnen die Taschen vollstopfen.
Wer sind diese Subjekte auf Währungsoptionsmärkten?
Auf Währungs- und Währungsoptionsmärkten agieren in großer Zahl Staatsstellen, staatliche und private Pensionsfonds, multinationale und andere Unternehmen, Finanzinstitute (Banken u.a.), Hedgefonds u.a.
Otto Normalverbraucher verkennt in aller Regel den Sinn dieser Märkte und die Rolle der Spekulanten dort; denn:
Die Währungsoptionsmärkte zeichnen für das Wohl und Wehe im höchstpersönlichen Alltagsleben des kleinen Mannes auf der Straße verantwortlich, indem sie für relative Währungsstabilität sorgen. Doch Märkte sind keine Subjekte. Somit sind präzise gesprochen nicht „die Märkte“, sondern die Teilnehmer an Währungsoptionsmärkten – also die risikoübernehmenden Spekulanten – für das Wohl und Wehe von Otto Normalverbrauchers alltäglichem Leben verantwortlich.
Daher lässt sich interpretieren: In der Erhaltung der Währungsstabilität liegt der soziale Sinn der Spekulation. Dabei dient der Spekulationsgewinn als Entgelt für die risikobehaftete Sorge um eine stabile Währung.
Es kommt zu einem „paradoxen“ Effekt: die Befriedung der Einzelinteressen der Subjekte, den Spekulanten, trägt vermittels des Marktgeschehens zur Optimierung des Gemeinwohls bei.
Die Umsätze in Devisen- und Währungsoptionsmärkten sind die größten weltweit und erreichen täglich Milliarden bis Billionen von Währungseinheiten. Im Jahr 2022 wurden allein im Devisenmarkt täglich durchschnittliche Umsätze in Höhe von 7,5 Billionen US-Dollar gehandelt. Zu beachten ist, dass dabei immer Währungspaare gehandelt werden und zudem die Umsätze „doppelt“ anfallen: als Verkaufs- und als Kaufpreis in Summe. Das plustert das tägliche Handelsvolumen ordentlich auf.
Was für die Währungsoptionsmärkte gilt, gilt ebenso für die Warenoptionsmärkte: es geht um die Stabilisierung von in großen Mengen gehandelten Waren wie Weizen, Schweinehälften Orangensaft, Kaffee und vieles andere mehr. Die aufgezählten Waren stehen für solche, die für die Bevölkerungen hohe Bedeutung haben.
Wozu Optionsmärkte gut sind
Aber es gibt doch nach wie vor Preissprünge auf den Warenmärkten, von erratischen Ausschlägen an den Devisenmärkten war auch schon die Rede: wie passt das ins Bild?
Ohne die Terminbörsen wären die Ausschläge um einiges stärker, die Preise höher.
Drei Beispiele dazu:
#1 Hitler verbot die große Bremer Kaffeebörse. Daraufhin sicherte sich der Großhandel gegen Preisanstiege bei Kaffee ab, indem er von Haus aus deutlich höhere Preise für den Handel, die Geschäfte, einforderte. Resultat war der berühmt-berüchtigte Blümchenkaffee: die Konsumenten sparten am Kaffee, indem sie möglichst wenig davon zum Aufbrühen verwandten, also sah man durch den dünnen Kaffee das Blümchen am Grund der Kaffeetasse.
# 2 Waren, die nicht abgesichert werden können, weisen größere Preissprünge und höhere Preise auf; bremsend auf den Warenpreis (Aktienpreis, Devisenkurs) wirkt allein die Konkurrenz oder eine schwache Nachfrage oder ein überreichliches Angebot.
# 3 Die erste Warenoptionsbörse wurde 1848 in Chicago gegründet. Hintergrund war der bereits gewachsene Welthandel mit Waren, die großteils noch mit Segelschiffen über die Weltmeere transportiert wurden. Zwar befuhren die ersten Dampfschiffe Ende der 1830er Jahre den Atlantik, doch die eigentliche Verdrängung des Segelschiffs als Transportmittel setzte erst ab den 1870er Jahren ein.
Die Notwendigkeit, sich gegen den Verlust der Waren infolge Schiffuntergangs zu schützen oder sich überhaupt vor unerwarteten Preisveränderungen während der langen Schiffsfuhren abzusichern, führte zur Einrichtung der Chicagoer Warenbörse (Chicago Board of Trade), 1848 zunächst als Kassen- oder Spotmarkt, 1864 dann als Warenterminmarkt. Fortan konnten Käufer und Verkäufer Warenpreise vereinbaren für Warenlieferungen in ein, zwei, drei, sechs Monaten, was die Sicherheit der unternehmerischen Kalkulation erheblich erhöhte, da nun die Preisrisiken nicht von den Warenverkäufern und -käufern selbst, sondern von den Spekulanten übernommen wurden. Es entstand eine hochspezialisierte Zunft von Spekulanten, darunter viele Versicherungen.
Die Spekulanten hatten die Zeit und die Informationsmittel, sich über Warenpreisänderungen am Warenursprungsort und über Transportverzögerungen oder Schiffsunfälle zu informieren. Schlechte Kaffee- oder Kakao-Ernten, transportverzögernde Windflauten oder Schiffsunglücke blieben für sie kein Geheimnis, entsprechend diesen Informationen disponierten sie am Warenterminmarkt ihre Preisvorstellungen, doch in der Vergangenheit geschlossene Warenpreise für eine bestimmte Ware zu einem bestimmten Termin blieben davon unberührt.